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FSK 18 Warnung vor expliziten Inhalten - Der nachfolgende Text enthält grafische Schilderungen gewalttätiger Handlungen. Solltest Du Dich von den Inhalten in Deinem Wohlbefinden beeinträchtigt fühlen oder noch keine 18 Jahre alt sein, bitte verlass diese Seite umgehend.

Jahwe

​Das Geschrei hält so eine hohe Note, dass mir das Trommelfell platzt. Die ganzen Stimmen vereinen sich zu einer brutalen Oktave, die klingt, als würde man eine Schar Schwäne zu Tode foltern. Nur ist es kein Schwanengesang, der mir ohrenbetäubend durch die Glieder fährt und jede Pore meiner Haut aufrichtet - es ist das Geschrei von Kindern, unzähligen hysterischen Kindern, die in ihrer Agonie so hoch kreischen, es lässt meine Augäpfel vibrieren, dass sie drohen zu platzen.

Ich drücke meine Handflächen gegen meine Ohrmuscheln, presse meine Augenlider zusammen, reiße meinen Rachen so weit auf, wie ich kann. Es hilft nichts, der Schmerz ist so unbändig und erbarmungslos wie die elektrische Ladung eines Viehtreiberstabs in meine Zahnwurzeln. In den Kontrast zu dem Gekreisch gesellt sich jetzt ein tiefes gutturales Lachen, urböse, diabolisch, teuflisch, als käme es aus der Hölle höchstselbst.

Der schmerzhafte Schrecken ist zu viel für mich und reißt mich aus dem Schlaf. Selbst nachdem ich wach im Grau des Tageslichts zu mir gekommen bin, höre ich noch diesen verstörenden Ton, der sofern real, in der Lage gewesen wäre, meine Autoscheiben zu zerbersten. Mein Herz hämmert so stark in meiner Brust, ich habe Angst, einen Infarkt zu erleiden.

Tatsächlich brauche ich einen Moment, um meine Schnappatmung zu beruhigen und zu begreifen, wo ich hier gerade bin. Verdammt, nach dem Martyrium in meinem Verstand brauche ich erst mal einen Moment, um mich zu erinnern, wer ich überhaupt bin. Katrin Kürschner, Kriminal-Hauptkommissarin, Dezernat Totschlag & Mord, Kriminaldistrikt Thüringen, Ostdeutschland, 45 Jahre, geschieden, keine Kinder.

Meine Atmung wird flacher, mein Herzschlag beruhigt sich allmählich. Alkoholikerin, fällt mir ein, als mein Blick auf den Pappbecher fällt, der traurig rumsteht vor der Windschutzscheibe meines Opel Astra, Baujahr 1992 - beige, verdreckt und verbraucht. Als nächstes versuche ich mich zu orientieren. Ich bin immer noch in diesem Ort, Zeulenroda-Triebes, einem kleinen Kaff irgendwo im nirgendwo, vielleicht 16.000 Seelen, gottverlassen und trostlos.

Ich reiße die Tür auf, aber draußen steht die Luft genauso wie drinnen - fad und öde, als hätte der Puls der Zeit hier aufgehört zu schlagen. Ich klettere umständlich aus der Fahrerkabine und die Schmerzen in meinem Kopf sind heftig, so heftig, dass ich glaube, mich gleich auf dem Asphalt übergeben zu müssen.

Ich halte mich zurück, obwohl sich alles um mich dreht wie ein Karussell, aber schließlich bin ich mittlerweile ein ziemlich geübter Fahrgast auf dem Ewiggleichen, monotonen Karussell des Lebens. Rundherum. Rundherum. Immer im Kreis herum. Rundherum. Das hat Sandra immer als Kind gesungen, damals als ihre Gesangsstimme noch hörbar war. Der Gedanke an sie tut weh wie jedes Mal, wenn er mich kalt erwischt und sofort greife ich nach dem Pappbecher mit der gärenden Neige. Der Schnaps ist warm und schmeckt brackig, aber es geht hierbei ja nicht um Geschmack, deswegen kippe ich ihn dennoch runter. Uff, widerlich! Und weil ich jetzt wieder Nachschub brauche, torkele ich benommen den Bürgersteig entlang in Richtung des Kiosks, irgendeines Kiosks, der noch nicht die Bretter vor seine Schaufenster genagelt hat.

Der Ort liegt im Sterben. Viele junge Menschen verlassen den Osten und damit bricht dem Leben nach und nach der Boden unter den Füßen weg. Aber in Triebes ist es noch schlimmer, die jungen Menschen verlassen die Stadt nicht nur, sie werden sprichwörtlich vom Erdboden verschluckt. In einem Radius von ca. dreißig Kilometer um die Stadt sind in den letzten drei Jahren sechsundvierzig Kinder verschwunden, spurlos, als hätten sie sich in Luft aufgelöst. Anfangs haben sich die Vorkommnisse noch räumlich verteilt, in Richtung Langenwolschendorf oder im Umland von Pausa-Mühltroff. Doch je stärker sich die Vorfälle häuften, beschränkte sich ihre Konzentration auf diesen Ort, durch den ich gerade, nicht mehr ganz im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, torkele.

Ich bin seit zwei Wochen hier, seit der kleine Max verschwunden ist, vier Jahre - als ihn seine Mami vom Kindergarten abholen wollte, fehlte von dem Knirps einfach jede Spur. Die Erzieher können es sich nicht erklären. Vielleicht hat ihn sich jemand geschnappt, als sie auf dem Hof ihr tägliches Draußenspiel gemacht haben, mit Matschhose und Gummistiefeln - niemand kann es sagen. Davor ist die zwölfjährige Johanna verschwunden - mitsamt Zahnspange und den dicken Brillengläsern. Nach der Schule nicht mehr nach Hause gekommen, genau so wenig wie Svenja vor ihr, acht Jahre alt, ein Grundschulkind.

In Zeulenroda-Triebes gibt es noch alle möglichen Kindertagesstätten - von Kindergärten über Grundschulen bis hin zu einem Gymnasium, aber dass der Pausenlärm immer leiser wird, hat wenig mit dem demographischen Wandel der Region zu tun. Etwas anderes geht hier vor, etwas Abscheuliches, etwas Unaussprechliches.

Ich bleibe an einer Ampelkreuzung stehen und blicke mich um im grauen Zwielicht, das in meine Augen sticht. Fast verliere ich ein paar Tränen, ob jetzt wegen dem stechenden Grau, dass den Himmel mit den Häuserfassaden verschmelzen lässt, wie Wasserfarben, die ineinander verlaufen und zwangsläufig das ganze Bild verschmieren. Vielleicht liegt es auch an meinen Kopfschmerzen oder ich habe doch etwas wie Mitmenschlichkeit irgendwo tief in meiner zerstörten Seele geborgen, weiß Gott.

Auf etwa drei leere und verwüstete Schaufensterfronten folgt eine, in der sich noch eine Lokalität befindet, ein kleiner Obstladen oder ein alter Schuhmacher. Die Auslagen beim Bäcker sind nur noch halb gefüllt, die aufgeklebten Werbeplakate blättern ab, die wenigen Leute auf der Straße blicken missmutig und verdrießlich drein, spüren die Müdigkeit, wie die Hoffnungslosigkeit sie langsam in Depressionen verwandelt.

Als die Kinder zu verschwinden begannen, machten wir großangelegte Razzien, durchkämmten jede Straße, durchsuchten jedes Haus, stiegen in jeden Keller, auf jeden Dachboden, durchwühlten jeden Garten - wenn Kinder verschwinden, bekommst du jeden richterlichen Beschluss, den du möchtest, erst recht, wenn sie in so großer Zahl abhandenkommen. Aber gefunden haben wir nichts. Kein Haar, keinen Strumpf, kein Lebenszeichen, nichts. Welch tollwütige Bestie hier auch am Werke ist, sie ist schlau genug, um keine Spur zu hinterlassen. Gefühlskalt, barbarisch und akribisch darin, unsichtbar zu bleiben - die furchtbarste Kombination, die jeden Ermittler in seinen tiefsten und grausamsten Albträumen heimsucht.

Irgendwie fühlt es sich an, wie ein Gespinst der Vorstellungskraft. Nicht real, wie ein Film, der abläuft, bevor man die Fernbedienung betätigt und das Grauen einfach abschalten kann. Aber die verschwundenen Kinder, die gebrochenen und zerstörten Angehörigen, die tränenverschmierten, schreckverzerrten Gesichter und die Verzweiflung sind echter und wirklicher, als jede markerschütternde Realität es je sein könnte.

Ich sehe einen beinlosen abgehärmten Greis, der sich ächzend auf seinem Rollstuhl den kaugummiverklebten Bürgersteig der Fußgängerzone entlangschiebt und sofort schießt mir Sandra in den Sinn. Seit ihrem Sturz als Fünfjährige war sie an das Ding gebunden und unsere gottverdammte Säufermutter hat es sie an jedem einzelnen Tag spüren lassen. Ich habe mich um meine kleine Schwester gekümmert, habe ihren Katheter gewechselt, ihr vorgelesen, habe sie gefüttert und gewaschen, während die Alte sich die Scheiße aus dem Leib gekotzt hat.

Eines Tages, da war sie gerade dreizehn, kam Sandra von der Sonderschule nicht heim. Ich war außer mir vor Angst und Sorge und habe praktisch auf der Polizeidienststelle geschlafen, um herauszufinden, was ihr zugestoßen sein mag. Hatte sie einen Unfall? Hatte sie genug von ihrem hoffnungslosen Dasein als Krüppel?

Tatsächlich stellte sich raus, dass der Hausmeister sie in den Heizungskeller gesperrt hatte, wo er tagelang die unaussprechlichsten Sachen mit ihr gemacht hat, mit einem halsabwärts gelähmten Mädchen. Ein paar Kids haben sich zum Kiffen da runter verzogen und sind zufällig über sie gestolpert. Sie war seitdem innerlich tot und wir konnten sie nur noch an eine Einrichtung übergeben. Ihr Haar war bereits mit fünfzehn schneeweiß und sie war nicht in der Lage, überhaupt ein Lebenszeichen von sich zu geben, bis sie mit achtzehn an ihrem Erbrochenem erstickt ist. Sie hat ihren Lebenswillen einfach aufgegeben, hat der behandelnde Arzt gesagt, als wäre sie ein verdammter Köter, der sich zum Sterben auf den Bordstein gelegt hat.

Der verdammte Hurensohn von einem pädophilen Perversen, der sie missbraucht hat, verschimmelt hingegen lebenslang in der Psychiatrie, dafür trage ich immer noch Sorge. Immerhin war Sandras Schicksal dafür ursächlich, dass ich mich für die Laufbahn im höheren Polizeidienst entschieden habe. Und meine Mutter? Der alten Schachtel habe ich es zu verdanken, dass ich an der Flasche hänge.

Wo ist eigentlich der verdammte Kiosk? Der Durst ist kaum noch zu ertragen, die Gedanken an Sandra fressen mich gerade roh und bei lebendigem Leib. Ich bin wohl ein bisschen zu stark versunken, da pralle ich mit einem Kerl zusammen, dem das Wurstbrot aus der Hand fliegt.

„Haben Sie keine Augen im Kopf?“

Ich sortiere mich und blicke den entrüsteten Kerl an, wobei ich beiläufig meinen Mantel zur Seite schiebe und die Marke am Hosenbund aufblitzen lasse. Er verzieht sich ohne ein weiteres Wort und ich spüre den Holster der Sig Sauer P6 an den Hemdstoff über meinem BH scheuern. Es gibt mir ein Gefühl von Hilflosigkeit und Macht. Macht, weil ich jeden perversen Hurensohn über den Haufen ballern könnte, der sich nicht an die Regeln hält und glaubt, die Schwächsten und Zerbrechlichsten für seine widerwärtigen, niederen Triebe missbrauchen zu können. Hilflosigkeit, weil ich kein Ziel habe und nicht weiß, wo der Wichser ist, der gerade in aller Seelenruhe Kind Nummer 47 in sein verdammtes Visier nimmt.

Darum bin ich hier. Weil der Glaube an irgendeine verkommene und abartige Macht im Universum mich glauben lässt, sie würde mir einen Fingerzeig geben, mich irgendwie zufällig auf die Lösung stoßen wie so eine magische Intervention im Märchen. Ich weiß, dass das totaler Unsinn ist, aber die letzte Hoffnung, um noch das Gefühl zu haben, etwas ausrichten zu können. Und so hänge ich in dieser todtraurigen Gegend in einer sterbenden Stadt und warte auf ein göttliches Zeichen wie ein Kind vor Weihnachten, während ich den täglichen Gang zwischen meiner Karre und dem Schnapsladen antrete.

Da ist meine Kirche endlich, als mich die bunten Flaschen bereits durch das Schaufenster anlächeln. Ich muss mich zwingen nicht zurückzulächeln, ansonsten könnten mich noch Muttergefühle überkommen und ich würde sie alle mitnehmen, wohlwissend dass sie meinen unabänderlichen Tod bedeuten würden.

Ich entscheide mich für eine gute alte Flasche Korn für 7,95 € und einen Becher mit Kaffee. Der Kassierer sieht aus, als hätte er selbst am vorigen Abend eine ernstzunehmende Begegnung mit einer Flasche Klaren gehabt und wäre genauso seiner Existenz überdrüssig wie der ganze verfluchte Ort.

Vor der Ladentür kippe ich etwas aus dem Becher aus und fülle ihn auf mit dem Inhalt aus der Flasche. Einen ordentlichen Schluck später fühlt sich die ganze verdammte Welt auf einmal gar nicht mehr so stumpfsinnig und unglückselig an.

Ich will gerade den Becher mit einem weiteren Zug leeren, da fällt mein Blick auf das Heck eines Streifenwagens, das um die nächste Straßenecke lugt wie der Hintern einer Prostituierten. Der Wagen sollte nicht hier sein, warum auch, als würde in diesem Nest mal irgendwas passieren, was darüber hinaus geht, dass jemand bei Rot über die Straße geht oder ein Asylantenheim angezündet wird. Aber der fahrbare Untersatz lässt das Blaulicht in meinem Gehirn angehen.

Ich sammle mich und nähere mich neugierig den Kollegen, die vor der unscheinbaren Tür inmitten der langgezogenen Häuserfassade stehen und anscheinend nicht wissen, was sie dort zu suchen haben. Ich lasse also die Flasche Korn hinter einem Stromkasten verschwinden und trete mit meinem Kaffeebecher in der Hand zu ihnen.

Als sie mich bemerken, gebe ich mich zu erkennen. „Morgen, Kollegen. Was ist hier los?“

Der kleinere von ihnen mit dicken Ringen unter den Augen sieht aus, als hätte er einige Nächte nicht geschlafen.

„Polizeiobermeister Göbel, Kollege Schmitz und ich wurden von den Nachbarn angerufen, weil angeblich ein starker Geruch aus der Wohnung hier strömen soll.“

Der andere, ein dicklicher Kollege mit feistem Doppelkinn kaut auf einem Salamisandwich herum und nickt bestätigend.

„Wahrscheinlich nur wieder eine Großmutter, die ihre Pillen nicht genommen und unverhofft das Zeitliche gesegnet hat. Kommt leider immer häufiger vor. Kümmert sich einfach niemand mehr um die Alten. Irgendwann fängt es an zu müffeln und die Nachbarn rufen dann uns.“

Ich verziehe das Gesicht. In irgendeiner anderen Gegend würde mich so etwas wirklich nicht interessieren, aber dass es hier passiert, erweckt meine Aufmerksamkeit. Immerhin könnte es genau das göttliche Zeichen sein, auf das ich gewartet habe, seit ich mich entschieden habe, in diesem verfluchten Ort Stellung zu beziehen, und seit meine Klamotten angefangen haben, stinkend an mir zu kleben, als würde ich beginnen, mich wie eine Schlange zu häuten.

Ich schaue mich um - die alte Holztür ist weiß lackiert und wenig ist unspektakulär. An der Türklingel fehlt das Namensschild und merkwürdig ist auch, dass der Briefkasten zugeklebt ist. Der Streich von ein paar Jugendlichen oder steckt doch etwas anderes dahinter? Das längliche Fenster neben der Tür ist mit bestickten Spitzgardinen behängt und lässt keinen Blick in das Innere der dunklen Räumlichkeit zu.

„Haben schon geklingelt und geklopft. Keiner hat aufgemacht.“

„Warum haben Sie keinen Funkspruch durchgegeben?“

Göbel kratzt sich den Kopf. „Ähm, haben wir doch. Ich dachte, deswegen wären Sie hier.“

So? Habe ich das Funkgerät in meinem Wagen ausgeschaltet?

Ich blicke in den Becher in meiner Hand. Anscheinend sollte ich wirklich mal etwas kürzertreten, wenn ich schon anfange, so Klopper zu bringen, wie den Funk auszumachen und alle Nachrichten zu verpassen, wegen derer ich hier bin. Aber irgendetwas stimmt hier nicht. Ein Gefühl brodelt aus meinem Inneren heraus, unheilverkündend und irgendwie verhängnisvoll. Entweder sollte ich auch mal wieder was essen, mein Blick fällt auf das Wurstbrot, das Polizeiwachtmeister Schmitz gerade seinem Bauch einverleibt - oder ich bin tatsächlich etwas auf der Spur. Etwas, das hinter dieser Tür wartet.

Etwas nähert sich. Unbarmherzig kommt es auf mich zu. Pirscht sich in seiner durchtriebenen Bosheit an mich heran. Bereit, mich zu zerstören und zu verseuchen. Ich kann spüren, wie es meine Eingeweide durchquert, ein flaues Gefühl in meinem Magen erzeugt, meine Nackenhaare aufrichtet. Instinktiv will ich meine Dienstwaffe aus dem Holster reißen. Eine Hand streckt sich nach mir aus.

Ich schrecke zusammen, als sie mich an der Schulter berührt. Der Pappbecher mit meinem Gesöff verteilt sich auf dem Asphalt und ich fahre herum, da blicke ich in das Gesicht von meinem Partner Marek Jensen, ein verschmitztes Lächeln unter seinem Friendly Mutton Chops Bart, der von seinen langen, dunkelblonden Haaren bis unter seine Nase wächst und das Kinn freilässt.

„Was zum Teufel machst du hier?“, fahre ich ihn ungehalten an. Mein Herz schlägt immer noch so hart, dass ich gleich einen Defibrillator benötige.

„Ist doch unsere Lieblingsgegend hier. Hab‘ auf den Funkspruch reagiert.“ Er schaut mich fragend aus seinen stahlblauen Augen an. „Wieso? Warum bist du denn hier?“

Okay, diese Frage ist legitim.

Seit geraumer Zeit hänge ich in Zeulenroda rum auf der Suche nach einem Strohhalm, an den ich mich verzweifelt klammern kann. Für ihn und die anderen Kollegen aus dem Dezernat bin ich eigentlich wegen Burn-Out auf ungewisse Zeit freigestellt, aber weiß ja keiner, dass ich in Wahrheit auf eigene Faust ermittle, obgleich das echt die Übertreibung des Jahrhunderts wäre.

„Das ging aber schnell, aus Erfurt nach hier“, versuche ich ungeschickt meine eigene Verunsicherung zu überspielen.

„War in der Gegend. Ermitteln. Wollen ja nicht kilometerweit weg sein, wenn das nächste Opfer verschwindet, oder?“ Er zuckt mit den Schultern und ich sehe ihm an, dass er genau aus demselben Grund hier ist wie ich.

Ich nicke gedankenverloren und ehrlich gesagt, sind es nicht nur meine Gedanken, die sich gerade verloren vorkommen.

„Wissen wir, wer hier gemeldet ist?“ Ich schaue hinüber zu Wachtmeister Göbel.

„Marie Claires, 99 Jahre, könnte sich also mit unserem Verdacht decken, dass jemand unverhofft die Hufe hochgerissen hat.“

Ich sehe ihm an, dass er ein wenig überfragt ist, warum zwei Kriminalkommissare sich wegen einer simplen Geruchsbelästigung einschalten.

Also greifen wir mal nach dem Strohhalm. Ich trete zur Tür, klingele einmal und klopfe zaghaft. Wie bereits bei den Kollegen, passiert rein gar nichts. Da rät etwas in mir, ich soll an dem Türknauf drehen. Ich gehorche diesem seltsamen und unerwarteten Impuls und fühle das ungewöhnlich warme Messing auf meiner Handfläche. Ich drehe den Knauf und das Klicken des Türschlosses ertönt. Sie ist tatsächlich unverschlossen und lässt sich einfach so öffnen, ohne Probleme und Hindernisse, so als würden wir erwartet werden.

Erneut läuft mir ein Schauer über den Rücken und ich drehe mich zu Marek um, um sicherzugehen, dass nicht er es ist, der sich wieder von hinten anpirscht. Der sieht mich nur mit erwartungsschwangerem Blick an und schürzt die behaarten Lippen.

Für Haustüren ungewöhnlich geht das Türblatt nach außen auf. Ein warmer, stickiger Muff wabert uns entgegen und ich muss unweigerlich würgen. Was wir jetzt zu sehen bekommen, hätte wohl keiner von uns erwartet.

Eine Wand aus Verpackungsmüll starrt auf uns zurück. Eine schiere Unzahl Süßigkeitenverpackungen, Chipstüten, Milchboxen, Joghurtbecher, Aufschnittfolien, Weichspülerflaschen, Sprühzerstäuber, Waschmittelkartons, Frischhaltefolien, Spülmittel, ranzige Putzlappen, Müllbeutel, Hygieneartikel, Brottüten - allerlei Plastik in vielfältigsten Farben und Formen, dazwischen grünlich schimmelnde Essensreste und verklebte Rückstände der einstigen Packungsinhalte.

„Eine Messiunterkunft? Hier?“ Marek klingt verwundert. „Warum ist uns die nicht aufgefallen bei der flächendeckenden Durchsuchung?“

Ich nicke zustimmend. „Das wird sich nicht in den letzten Wochen gebildet haben.“ Das ist wirklich sonderbar und auch ein wenig unheimlich. Du hast um ein Zeichen des Universums gebeten, hör auf dich zu beschweren.

Ich geh in die Hocke und entdecke ein mit Pappmaché, Zeitungen, Klopapier, Postpaketen und Noppenfolie ausstaffiertes Kriechloch - allem Anschein nach der Eintrittstunnel seines Bewohners. Ich zische durch die Zähne, wohlwissend was mich als Nächstes erwartet. Mit einem Blick zu meinem Partner gebe ich ihm zu verstehen, was ich als Nächstes von ihm erwarte.

Jensen nickt mir kurz zu und gibt den Funkspruch ab. „0-110 Zeulenroda-Triebes, Hausnummer 66, Messiwohnung, bitten um Verstärkung, 9 und Aus.“

Ich lasse mir von Wachtmeister Schmitz eine Taschenlampe aushändigen, die ich mit der Linken umklammere. Und weil alle meine Alarmglocken unablässig bimmeln, reiße ich mit meiner Rechten die Sig Sauer aus dem Holster und beginne mich ächzend durch das enge Loch zu schieben.

Es ist so widerlich, als würde ich den Darm einer ekelerregenden Kreatur emporkriechen, die es kaum erwarten kann, mich mit Haut und Haaren zu verschlingen und zu verdauen. Es ist wirklich eng und gelbe, schleimige Patina verklebt den stinkenden Tunnel in das Innere der zugemüllten Behausung.

Stetig weiter schiebe ich mich das verschimmelte Kriechloch entlang und bettele förmlich um Atemluft. Ein Wunsch, den mir das Universum hämisch verweigert, immerhin hat es mir ja bereits den Wunsch erfüllt, mich hier durch den Dreck quälen zu dürfen. Ich frage mich unwillkürlich, ob dass der Weg ist, den die Kinder auch nehmen mussten. Und obwohl ein Teil von mir sich wünscht, dass es nicht so ist, dass keine Kreatur auf Planet Erde einem unschuldigen Kind so etwas aufbürden würde, so etwas jemals antun würde, spüre ich tief in meinem Inneren, dass es so ist, dass die Kinder genau den Weg gegangen sind, den ich gerade auf mich nehme - durch erbärmlich stinkenden Unrat zu kriechen wie ein Käfer, ein niederes Insekt, Ungeziefer. 

Da verliert sich der Lichtkegel meiner Taschenlampe am Ende dieses menschlichen Maulwurfstollens. Ich quetsche mich triefend von der schleimigen Patina, durch den Ausgang und finde mich wieder in einem dunklen, stickigen Raum. Ein Schwarm Ratten, der sich fiepsend über die Reste in Styroporboxen hermacht, strömt aufgrund meiner Gegenwart auseinander. Motten stieben aus schmutzstarrenden Klamottenbergen, die vor sich hinsiefen. Gelbes Tauwasser tropft unablässig aus den schimmelsporenüberzogenen Ecken, in denen Schaben eine Orgie feiern.

Mit der Pistole eng an der Taschenlampe fahre ich die Verheerung entlang, in der sich jeder nur erdenkliche Müll und Dreck bis zur Decke türmt. Verrostete Konservendosen, in deren verfaultem Inhalt sich die Maden tummeln. Unzählige Plastikflaschen, in denen gelbes Wasser vor sich hingärt, insoweit es sich bei den Flüssigkeiten um Wasser handeln sollte, was ich dem Geruch nach stark bezweifle. Bepisste, vollgeschissene Matratzen, in denen wimmelnde Kakerlaken ihr Domizil bezogen haben. Schwärme von Fliegen, die aufgeregt über Abwasserpfützen ihre Kreise ziehen. Die Wände zwischen den Abfallhaufen zeigen mit roter Farbe gekritzelte Dämonenrunen. Mit roter Farbe? Das glaubst du wirklich? Die nächste dunkle Vorahnung sucht mich heim.

Da schiebt sich Marek durch den Tunnel, besudelt, als hätte auch er gerade den Gang durch den Geburtskanal hinter sich gebracht.

„Verfluchte Scheiße“, ächzt er, als er sich auf die Beine gehievt hat. „Was zum Teufel ist das hier?“

Er verzieht die Nase und ich sehe den ungläubigen Widerwillen in seinem Gesicht.

„Die Brutstätte eines Monsters.“ Etwas Besseres fällt mir nicht ein, um meine Gedanken in Worte zu fassen, auch wenn ich weiß, dass sie nicht einmal annähernd ausreichen, um das Grauen zu beschreiben, dessen wir gerade habhaft werden.

„Ich verstehe das nicht“, gebe ich noch zu bemerken. „Wir hätten das alles hier lange gefunden haben müssen. Wir haben die ganze Stadt auf links gedreht, besonders die Wohneinheiten in der Nähe der Schulen.“

„Was meinst du?“, fragt Marek und ich höre das Unbehagen in seiner Stimme. „Dass uns eine böse Macht davon abgehalten hat, diesen Fund zu machen?“

Mit der vorgehaltenen Waffe schiebt er einen Haufen benutztes Klopapier zur Seite, welches ein Pentagramm an der Wand verdeckt hat. „Eine satanische Macht?“

Geschrei ertönt, als Wachtmeister Göbel kleine Statur in dem Raum zum Vorschein kommt. „Schmitz steckt in dem Tunnel fest.“

Ich fasse es nicht. Während wir hier den grausigen Fund unserer Laufbahn machen, haben diese Idioten nichts besser zu tun, als der Spinne ins Netz zu gehen wie Lämmer, die munter zur Schlachtbank marschieren?

„Dafür haben wir keine Zeit“, zische ich ungehalten. „Wer weiß, was uns tiefer drin erwartet.“

Insgeheim hoffe ich, dass die Verstärkung bald kommt.

„Ich versuche, ihn rauszuziehen“, bietet sich Marek an und innerlich verfluche ich seine Initiative, während er wieder in dem Loch verschwunden ist, aus dem wir soeben in diese Hölle geraten sind. Ich weise den kleinen Wachtmeister an, seine Waffe zu zücken und vorsichtig zu sein.

Gemeinsam tappen wir durch die Höhle des Grauens. Die Fenster sind vollständig verdunkelt und zugenagelt, aber überall scheint es zu rumoren und Bewegung zu geben. Verstümmelte und verunstaltete Kinderpuppen säumen den Weg in den nächsten Raum, Puppenköpfe auf Schweinekörpern, Puppenkörper geschändet und bemalt mit Genitalien, Puppenextremitäten in gekreuzigte und geblendete Katzen gepfropft, die im Sterben vor sich hin maunzen.

Wir passieren einen Ziegenkopfaltar in einem Wachshaufen von niedergebrannten Kerzen. Davor finden sich ein paar zaghafte Knochen und ich muss schlucken, als ich einen Schädel in die Hände nehme - ein kleiner Schädel, der weder zu einem Hund noch einer Katze oder irgendeinem anderen Tier gehört, es ist eindeutig ein menschlicher Schädel.

„Großer Gott“, entfährt dem total überforderten Göbel. „Ich ... ich ... halte das nicht aus. Das ist einfach nur abscheulich.“

„Psst“, fahre ich ihn an. „Reißen Sie sich zusammen. Denken Sie an Ihr Training auf der Polizeischule. Nerven bewahren, sich einen Überblick verschaffen, Emotionen aus dem Bauch pressen und kalkuliert auf die Situation reagieren.“ Da höre ich leise Töne an mein Ohr dringen.

„Das ist Metal“, stelle ich fest und suche einen Weg zu der Geräuschquelle. Ich kenne mich mit dieser Musikrichtung überhaupt nicht aus - um ehrlich zu sein, höre ich ohnehin sehr wenig Musik, aber das klingt für mich nach Satan Black Metal, auf jeden Fall ziemlich düsteres Hardcore-Zeug.

Wir folgen den tiefen Basstönen über den mit dreckigem Schlick besudelten Fußboden, bis zu einer hölzernen Doppeltür, die mit eingebrannten Aschezeichen übersät ist. Sie steht offen und ich trete über die Schwelle in das Herz der schwarzen, okkulten Hölle - einem großen unübersichtlichen Saal, der von einigen Feuerschalen erhellt wird. Mechanische Pumpgeräusche überschneiden sich mit den Beats der Musik, ich kann aber noch gar nicht ausmachen, wo sie genau herkommen.

Von der Decke hängen Ketten mit überdimensionalen Haken, an denen Fleischstücke runterbaumeln manche wirken noch frisch, wie unablässig das Blut von ihnen herabtropft, andere sind bereits am Verwesen und gut abgehangen. Ich komme mir vor wie in einem Fleischerladen, stinken tut es jedenfalls schlimmer als der Sprung in das Becken einer Kläranlage.

Das merkt dann wohl auch Wachtmeister Göbel und macht seinem Namen alle Ehre, laut röhrend entledigt er sich seines Mageninhalts.

Da fällt mein Blick auf eiserne Käfige, die an der Wand stehen. Ein kleiner dürrer Junge klebt unbekleidet und voller Schmutz am eisernen Gitter, seine Augen liegen in tiefen Höhlen und er formt seine Lippen zu einem verzweifelten „Hilfe“.

Ich kann kaum glauben, was ich da sehe. Im Käfig sind noch andere Kinder, manche so ausgemergelt, dass sie sich gar nicht mehr rühren und vollkommen katatonisch vor sich hinstarren. Ein junges nacktes Mädchen stöhnt schmerzvoll vor unsäglichen Qualen, die ihr ein blaugeäderter Schwangerschaftsbauch bereitet.

„Wir sind da, um euch zu helfen.“

Ich bin aufgeregt und versuche zuversichtlich zu klingen, hin und hergerissen zwischen Euphorie, die Kinder oder was von ihnen noch übrig ist, endlich gefunden zu haben und dem Entsetzen, zu sehen, in was für einem Zustand sie sich befinden.

„Nein“, flüstert der kleine Junge durch seine aufgeplatzten Lippen.

„Was?“, frage ich ungläubig. „Warum nein?“

„Er wird es nicht zulassen?“

„Wer?“, frage ich.

„Jahwe, Gott, dein Herr“, ertönt auf einmal eine laute Stimme, aus der Mitte des Raumes. Ich reiße meine Pistole in die Richtung, kann aber aufgrund des ganzen herabbaumelnden Fleisches nichts erkennen. Ich bewege mich tiefer in den Raum und dann sehe ich es. Oder besser gesagt ihn.

Auf einem hölzernen Gestell in der Mitte des Saals ist ein Stuhl aus Knochen gezimmert und darauf sitzt eine absonderliche Gestalt, in die eine Vielzahl Schläuche führen. Die Schläuche wiederum sind an die Pumpen angeschlossen, von denen die mechanische Klangkulisse stammt, die sich mit dem Metalsound zu einer verstörenden, rostzerfressenen Symphonie verbindet.

„Jahwe ist dein Gott, Jahwe allein“, schreit diese Gestalt los, phrenetisch, geradezu hysterisch mit unnatürlich hoher und kratziger Stimme. „Und du sollst Jahwe, deinen Gott, mit ganzem Herzen lieben, mit ganzer Seele, so wie ich Luzifer liebe, meinen einzigen Sohn.“

Ich halte die Pistole auf diese Abscheulichkeit und gehe vorsichtig Schritt für Schritt näher.

„Senke deine Waffe, mein Kind, denn kann eine Pistole Gott, deinen Herrn, töten?“

Ich blicke mich um, spinze in die dunklen Ecken des Raumes, ob sich dort vielleicht noch Schergen dieses Ungetüms verborgen halten, kann aber außer fauligen Fleischhaufen nichts weiter ausmachen.

„Senke die Waffe und werde eins mit meinem Leib, mein Kind. So wie Belial, Beelzebub und Baal.“

Er richtet frivol seinen Oberkörper auf. Seine Beine stecken bis zu den Knien in einem Trog, dessen Inhalt von hier unten aus nicht zu sehen ist.

Die Gestalt selbst hat mickrige, geradezu verkümmerte Extremitäten, dafür einen ausladenden aufgeblähten Wanst. Sie ist nackt, obwohl nein, das stimmt nicht ganz, sie ist bedeckt mit Häuten, die eindeutig nicht ihr gehören und die sich über den Kopf und weite Teile des Oberkörpers schmiegen wie eine Membran.

„Wo sind die Kinder?“, schreie ich.

„Die Kinder? Welche Kinder meint mein Kind?“, ertönt es schrill und verstörend zurück.

Ich werfe einen Blick auf Göbel und vergewissere mich, dass er mir mit seiner Pistole Deckung gibt. Ich sehe, dass er überfordert und an der Grenze des Zumutbaren ist, mit aufgerissenen Augen und dicken Schweißperlen, die seine Stirn zieren. Ihm muss es ergehen wie mir, gefangen inmitten eines unsäglichen Albtraums, schlimmer als wir es uns mit der dunkelsten Vorstellungskraft hätten ausmalen können. Ich zeige auf die Käfige.

„Die Kinder im Käfig. Wo sind die anderen?“

Je näher ich komme, desto mehr erkenne ich, dass sein hautbedeckter Kopf irgendwie aussieht wie der eines überdimensionalen Insekts, ohne sichtbare Sinnesorgane auf dem Gesicht, nur mit zwei schwarzen augenähnlichen Ausschabungen, die wie eine riesige Fliege anmuten.

„Aaahh“, ertönt ein langer Laut. „Meine Ferkel, meint mein Kind? Meine Ferkel hat Jahwe, dein Herr, gefressen, denn dazu hat Jahwe die Ferkel geschlachtet, dass sie seinen Bauch füllen und ihm ihre Stärke und Jugend geben. Schau dich nur um, hier hängen sie und warten auf die Gnade, vertilgt zu werden. Ihre Knochen sind Mehl für seinen Teig. Ihr Blut ist das Bad für seinen Wanst. Ihre Haut ist da, um seine Scham zu bedecken. Und nein, er frisst nicht nur ihr Fleisch.“

Mit lautem Platschen gleiten die Arme dieser Ausgeburt in den Trog vor ihr und als sie sie rauszieht, sind sie bis zu den Ellbogen blutbesudelt. Sie schiebt sich etwas in die Mundöffnung, die unter ihrer Kutte aus Haut herausschaut und beginnt, enthusiastisch darauf herumzukauen.

„Jahwe, der Herr, frisst ihre Seelen.“

Er verschluckt sich an irgendetwas und hustet, bevor er in dem blutigen Matsch um seinen Rachen herumfummelt. Da zieht er ein langes Strähnengeflecht Haare aus seinem Schlund, an dem noch eine kleine Spange in Form eines Herzens hängt.

Es ist so unvorstellbar, dass ich das Grauen, welches sich manifestiert, kaum begreifen kann. Ich muss immer wieder die Augen zusammenkneifen, um mir klar zu werden, dass es wirklich ist und nicht etwa ein Alkohol-intoxikierter Traum.

„So, steig jetzt da runter von deinem Stuhl“, lasse ich mit so klarer Stimme verlautbaren wie möglich.

„Wie redest du mit Jahwe, deinem Gott?“ Gerade entfährt der Kreatur auf dem Knochenstuhl ein hämisches Lachen, als jemand neben mir aufschreit. Ich drehe mich ruckartig um und sehe einen schmerzverzerrten Göbel im hypovolämischen Schock. Sein Bein ist von einer riesigen Bärenfalle umschlossen und mit jedem seiner Herzschläge spritzt das Blut aus seinem zertrümmerten Oberschenkel. Er schreit mit aufgerissenen Augen in panischer Agonie, untermalt vom lüsternen Gelächter, das von dem Irren stammt, der sich für Gott hält.

Ich versuche die Falle auseinanderzuziehen und Göbel zu befreien, aber es sieht nicht so aus, als gäbe es irgendeine Chance, dass ich das Eisen auch nur bewegen könnte. Armer Teufel.

„Alles wird gut“, lüge ich ihn an. Wo bleibt endlich die verdammte Verstärkung?!

„So spricht Jahwe, dein Herr, siehe, so will ich Stechfliegen kommen lassen über dich, deine Großen, dein Volk und dein Haus.“

„Sei still“, schreie ich ihn an und richte wieder die Pistole mit beiden Händen auf ihn. „Sei sofort still, du Psychopath. Ich habe gesagt runter da!“

„Du hast es nicht verstanden, mein Kind“, wagt es dieser Geisteskranke in aller Seelenruhe weiterzusprechen. „Jahwe, der Herr frisst ihre Seelen. Bevor das Vieh geschlachtet wird, raubt er ihnen noch ihre Unschuld. Berührt sie, fasst sie an.“

Jetzt wagt es dieser gottverdammte Hurensohn tatsächlich auch noch, an sich rumzuspielen.

„Nimmt ihnen ihre Unschuld, befleckt sie, verwüstet sie, zerbricht sie, wieder und wieder, bis sie triefen von dem nassen Saft seiner Lenden.“ Er grinst wieder breit und hämisch, während er sich im Schritt massiert, dieses widerliche Stück Scheiße. Meine Hände beginnen zu zittern.

„Und sie müssen ihm zu gefallen sein, sie müssen ihre kleinen ...“

Ein Knall ertönt und der Kopf des Ungeheuers schlägt ruckartig nach hinten, bevor der ganze Körper kraftlos in sich zusammensackt. Ungläubig blicke ich zum Monster und entdecke einen Rauchfaden, der aus einem Loch in dem Hautüberzug etwa auf der Stirnhöhe entweicht. Nein, ich habe nicht geschossen. Sicher nicht. Ruckartig reiße ich die Pistole herum und da steht mein Partner, Marek Jensen mit gezückter Waffe, die er eindeutig soeben benutzt hat, um diesen Triebtäter aus dieser Welt in die nächste zu befördern.

„Ruhig“, sagt er und kommt langsam auf mich zu.

„Keinen Schritt weiter“, schreie ich, während mir der Schweiß in Bächen von der Stirn läuft. Ich richte meine Knarre mit beiden Händen auf ihn. „Keinen Schritt weiter.“

„Katrin, ruhig“, sagt er erneut. „Ich bin´s, Marek. Es ist vorbei. Das Scheusal ist tot.“

„Keinen Schritt weiter habe ich gesagt“, schreie ich noch lauter und mache eine vorwärts gerichtete Bewegung mit der Waffe in meiner Hand. „Wo warst du?“

„Ich habe versucht, Wachtmeister Schmitz aus dem Messitunnel zu holen, weißt du doch.“

Mein überforderter Verstand geht in tausend Richtungen gleichzeitig. „Ach ja? Wenn das so ist, wo ist er?“

„Steckt immer noch fest“, antwortet Marek in aller Seelenruhe. „Das SEK versucht ihn da gerade rauszubekommen, aber der Hauseingang ist so zugestopft, dass sie eine Weile gebraucht haben, bis sie durch die Müllwand durch sind.“

„Das SEK ist da?“ Ich muss wieder blinzeln bei dem ganzen Schweiß in den Augen.

Er nickt nur. „Sie müssten jeden Moment hier sein. Katrin, bitte, nimm die Waffe runter. Hier sieh.“

„Keine Bewegung“, schreie ich, weil er sich bewegt, aber er soll sich nicht bewegen, er soll stehen bleiben, genau da, wo er ist. Stattdessen beugt er sich runter und legt seine Waffe auf den Boden. Mit erhobenen Händen steht er wieder auf.

„Warum hast du das gemacht? Warum hast du ihn erschossen?!“

„Weil ein Scheusal wie er es nicht verdient hat, zu leben. Was er getan hat, ist unverzeihlich. Vielleicht habe ich überreagiert, ja, aber ich habe Göbel gesehen und all das Blut und dachte, du bist in Gefahr. Katrin, ich habe überreagiert. Es tut mir leid.“

Ich muss gestehen, er hat Recht. Dieses Monster hat das Leben nicht verdient. Nur durch den Tod konnten wir sicher gehen, dass wir ihn endgültig los sind. Auch wenn es einem moralischen, dienstbeflissenen Teil in mir widerstrebt so vorzugehen, ein anderer Teil in mir weiß, dass Marek recht hat. Und dass er richtig gehandelt hat. Langsam senke ich die Waffe.

„Es ist vorbei.“

Seine Worte hallen in meinem Kopf nach und ich versuche sie zu begreifen, zu erfassen, was hier gerade geschehen ist, dass dieser Triebtäter gestoppt, seinem widerlichen Treiben Einhalt geboten worden ist. Dieses furchtbare Rätsel ist gelöst, wir haben diesen Irrgarten der Folter, Angst und Ratlosigkeit hinter uns gebracht. Wir haben es endlich geschafft, endlich ist es vorbei, gleich wird das SEK ...

Ein harter, lauter Schlag erwischt mich böse an der Schulter und reißt mich unsanft herum. Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht. Ich stürze zu Boden und meine Schulter fühlt sich an, als würden tausende Feuerameisen darin einen Flächenbrand veranstalten.

„Das SEK kommt nicht“, höre ich Mareks Stimme, bevor wieder ein Schuss ertönt, als er Göbel eine Kugel in den Kopf verpasst. „Ich habe keine Verstärkung angefordert. Und den Funkspruch der beiden Trottel habe ich auch abgefangen.“

„Deswegen habe ich ihn nicht gehört.“

Die Erkenntnis öffnet mir die Augen, wie ich hier so im Dreck liege und das Blut aus meinem Körper suppt. „Du hast die Ermittlungen gestört, die ganze Zeit.“

Ich murmele beinahe schon mehr zu mir selbst als zu ihm. Jetzt steht er direkt über mir, die rauchende Pistole in seiner Hand und in den Augen steht die Eiseskälte.

„Denkst du, dieser Durchgeknallte hätte irgendetwas machen können ohne mich? Ohne, dass ich ihm frisches Fleisch angeliefert hätte, dass ich ihm den Rücken gedeckt, ihn geschützt hätte? Schau ihn dir doch an, der konnte sich zuletzt nicht mal allein den Arsch abwischen.“

Ich versuche es zu verstehen, aber verzage bei dem Versuch. Marek scheint die Frage in meinem Gesicht zu lesen und offenbart sich sogleich. „Ich war auch einmal so. So, wie sie.“

Er zeigt auf den Käfig mit den Kindern.

„Mastvieh, wie er uns nannte. Früher, als er noch aktiv war, war er Busfahrer. Hat den Schulbus mit den letzten Kindern immer noch eine extra Runde drehen lassen, zu seinem Versteck, wo er dann all die Dinge mit ihnen ... mit uns getan hat.“

Mareks Augen sind in weite Ferne gerichtet.

„Immer dachte ich, jemand taucht auf, jemand rettet uns, jemand spielt den Helden, aber je mehr Zeit vergangen ist, desto mehr verstand ich, dass das niemals passieren wird.“ Gedankenverloren spielt er sich an einer Haarlocke und zwirbelt sie zwischen Daumen und Zeigefinger.

„Ich war sein Liebling. Egal, was er mit mir gemacht hat, umgebracht hat er mich nicht. Nein, er hat mich am Leben gelassen, aber mein Leben musste ich mir verdienen, indem ich ihm ... ich habe ihm ...“ Sein Blick ist wieder klar, als hätte ihn irgendwas aus seinen Gedanken geschreckt.

„Ich habe meine Eltern umgebracht, als ich alt genug war. Ich habe die Identität von Marek Jensen angenommen, um ihm die Möglichkeit zu geben, weiter seinem Treiben zu frönen, diesem Wahnsinn, den er das Paradies nannte. Ich war auserkoren, es zu tun. Bis heute. Ich habe die Polizei gerufen. Hier dringt nichts nach außen, kein Gestank, gar nichts, dieses Versteck hier ist sicher und wird es auf absehbare Zeit auch bleiben.“

Er macht eine bedeutungsschwangere Pause. „Sorry, aber ich musste nicht nur ihn loswerden, sondern auch dich. Du bist viel zu hartnäckig geworden, unablässig, hast geforscht, rumgeschnüffelt und geduldig ausgeharrt. Bist uns viel zu nahegekommen. Ich musste was unternehmen. Ich hoffe, du verstehst das.“

Ich keuche und merke, wie mein Atem stoßweise meine Lungen verlässt. Langsam werden die Ränder meines Sichtfeldes trüb - trüb, farblos und schwarz. Ich nehme meinen Atem zusammen.

„Wer ... wer bist du?“

Ein Lächeln umspielt seine Mundwinkel.

„Ich?“ In seinen Augen glimmt der nackte Wahnsinn auf. „Ich bin Jahwe, dein Gott.“

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