


Sherpani
„Yukti, da sind wieder Besucher aus dem Westen, die den Annapurna hochwollen“, ruft mir Pushkal zu.
Ich reibe mir den Schnee aus den Augen und lächle. Meinen getreuen Hari führe ich an der Leine bis vor die Yurte. Dort binde ich ihn an einen in den Boden geschlagenen Pflock und gebe ihm einige Leinsamen aus dem Futterbeutel an meiner Koppel. Ich klopfe mir den Schnee von dem Überwurf und der Fellmütze und schaue mir noch einmal den majestätischen klaren Himmel über den Gipfeln der Gebirgskette an. Der Himmel ist gut heute zu dem Berg, der Berg könnte gut sein zu dem Menschen.
Ich blinzle in die Sonne und betrete das Innere des Zeltes. Moti sitzt am kleinen Feuer hinter seinen Papierstapeln und führt Gespräche mit dem Anführer der anstehenden Expedition – ein hochgewachsener Westeuropäer mit lockigem dunkelblondem Haar und dichtem Bart. Sein Kollege sitzt missmutig in der Ecke und starrt mich an. Auch er hat sich klugerweise einen Bart sehen lassen, auch wenn der bei Weitem nicht so ansehnlich und dicht ist wie bei ihrem Obersten.
Und kaum überhörbar – das Frauenzimmer, mit ihrem Freund albernd und viel zu leicht gekleidet mit dem dünnen Stoff ihrer Hose und den Alpakafell-Stiefeln, die mehr dekorativen als praktikablen Zwecken zu dienen scheinen. Ihr Gespiele, ein jungenhafter Mittzwanziger, dessen Bartwuchs eher zur Nachfrage als zu Glückwünschen anregt, hat nur Augen für sie und sieht auch aus, als gehöre er an den Surferstrand von Florida und nicht an einen der gefährlichsten Orte der Welt.
Diese Truppe sieht gänzlich ungeeignet aus für den Aufstieg. Seit über vierzig Jahren führe ich Expeditionen und Klettergemeinschaften auf den Gipfel des Bergs. Damals hat mir mein geliebter Papa – der Berg hab ihn selig – alles beigebracht für diese gefährliche Aufgabe und allein, dass ich nach so vielen Jahren noch am Leben bin und dieser Tätigkeit nachgehe, zeigt, dass seine Lektionen hilfreich waren und ich sie gut umzusetzen wusste. Er selbst ist dem Schüttelfieber erlegen, eine Krankheit, die hier oben nicht selten ist und auch wenn er nicht bei einer Bergbesteigung ums Leben gekommen ist, hat ihn sich der Berg geholt.
Wenn du hier oben lebst, bekommt der Berg immer, was er will – kompromisslos, alternativlos, gnadenlos. Das wissen die Bewohner und nennen ihn deswegen „Durga“, die „Unzugängliche, Herrin über Leben und Tod“.
Ich gehe zum kleinen Stehofen über der Feuerstelle und gieße mir ein wenig Ginseng-Tee in einen Becher. Er wärmt meine Handflächen und der Tee meine Innereien, als ich ihn langsam meine Speiseröhre hinablaufen lasse. Moti und der Bärtige scheinen sich geeinigt zu haben und mein Landsmann mit den dicken Tränensäcken und der krausgezogenen Stirn nickt mir zu.
Der Große lacht und eine Rolle mit Geldscheinen wechselt den Besitzer. Schön, vielleicht kann ich mir bald ein Paar neue Klettereisen-Aufsätze für meine Schneeschuhe leisten. Meine derzeitige Ausstattung ist ordentlich in die Jahre gekommen und ich würde es begrüßen, den Berg auch wieder sicheren Fußes betreten zu können. Der hochgewachsene Westling tritt nun auf mich zu und mustert mich von oben bis unten.
„Hi, mein Name ist Arthur.“ Er reicht mir die Hand, eine Gepflogenheit, die im Westen verbreitet ist und die ich dementsprechend gut kenne, nichtsdestotrotz ist ein derartiger Hautkontakt in unserer Kultur unangebracht. Als würde es einen Westling scheren, denke ich und schüttele ihm kurz die Hand, wobei ich es ihn fühlen lasse, wie schlaff und schwitzig sie ist. Es macht ihm offenbar nichts aus. Punkt für ihn.
„Und du bist? Sprichst du meine Sprache?“
Mein ganzes Leben führe ich Gemeinschaften den Gipfel hinauf und wieder hinunter und aus unserem Dorf sind nur die wenigsten so tollkühn, sich auf so ein Wagnis aus freiwilligen Stücken einzulassen. Kurzum, natürlich spreche ich seine Sprache, antworte aber nur mit einem kurzen und schüchternen „Yukti.“
Er grinst breit und sein Kollege, der immer noch mit dem Rücken an der Zeltwand hängt, ächzt hörbar genervt.
„Freut mich. Das da ist Bobby. Und die beiden Turteltauben sind Ronald und Regina.“
Ich habe sie alle bereits inspiziert und genau unter die Lupe genommen. Ich brauche sie kein weiteres Mal anzublicken, auch wenn das Pärchen jetzt zu mir tritt und mich anglotzt, als wäre ich eine ausgestopfte Statue aus dem Völkerkundemuseum. Ja, ich weiß, was das ist. Ich habe sogar mal eins in Katmandu besucht, damals als ich noch jung und ungebunden war und dachte, dem Berg entfliehen zu können. Welch schwerwiegende Fehleinschätzung, welch törichter Leichtsinn der Jugend – der Berg hat mir alles genommen und meine Seele gleich mit.
„Du wirst uns führen?“, fragt das Mädel, das mir als Regina vorgestellt worden ist. „Cool, bin ich wenigstens nicht die einzige Frau bei dem Trip.“
„Wie sicher kann eine Expedition schon sein, wenn uns eine Frau führen soll“, schimpft Bobby, während er sich vom Boden erhebt und zu Pushkal tritt, der gerade dabei ist, das Gepäck und die Vorräte zusammenzustellen, für die der Westling bezahlt hat. „Was ist mit dem hier? Der sieht so aus, als würde der das ohne Probleme hinkriegen. Und ehrlich gesagt, sollte es wirklich Probleme geben, hätte ich lieber einen echten Kerl, der sich da oben auskennt an meiner Seite als so ein Frauenzimmer, das sofort das Flattern kriegt beim ersten scharfen Windstoß.“
Pushkal macht keine Expeditionen mehr, seit es eine Kolonne unter seiner Führung nicht geschafft hat. Er ist nicht aus dem Holz geschnitzt, hat nicht das Zeug dazu, mit solchen Tragödien umzugehen. Jetzt gerade guckt er mich nur verwirrt und hilflos an und leckt offenen Mundes über seine sechs verbliebenen Zähne, wie er es stets zu machen pflegt, wenn er nervös ist.
„Er kann das nicht“, antworte ich knapp. „Entweder ich oder ihr müsst euch im nächsten Ort Führer suchen.“
Bobby macht einen verächtlichen Zischlaut mit seinen Zähnen. „Werden wir noch sehen“, lässt er verlautbaren, bevor er aus dem Zelt stürmt. Arthur lacht nur.
„Mach dir nichts draus“, kommentiert er den Auftritt seines Kumpans im Brustton der Überzeugung. „Er ist eine Giftzwiebel.“ Jetzt blickt er mich skeptisch an, obwohl ich in seinen Augen die Überheblichkeit funkeln sehe. „Du hast es doch drauf, uns auf den Gipfel zu führen, oder nicht? Also bis ganz nach oben, damit wir auch wieder runterkommen.“
Ich nicke kurz und er grinst amüsiert.
„Ausgezeichnet. Dann hoffe ich, dass es bald losgehen kann. Der Tag ist noch jung und wir sollten keine Zeit verschwenden. Immerhin haben wir 2000 Höhenmeter Aufstieg vor uns.“
Sie packen ihren Kram zusammen und ich inspiziere die Ausrüstung, die Pushkal zusammengestellt hat. Moti tritt zu mir und schüttelt den Kopf mit seinem schüttergrauen Haarschopf.
„Europäer“, sagt er zu mir auf Nepali. „Die denken, dass die Kolonialzeit nicht vorüber ist, werden uns immer wie Menschen zweiter Klasse behandeln.“
Ich nicke kurz, spare mir jedoch jedes weitere Wort dazu.
„Haben sie ein Solimani erbeten?“, frage ich stattdessen. Solimani sind aus bunten Steinen zusammengesuchte Gebetsketten, die um den Hals getragen werden, um das Herz des Bergs zu besänftigen. Solche von denen auch ich eine trage, wenn ich den Aufstieg wage.
„Was denkst du, Yukti?“, fragt er ein wenig provokant mit der Andeutung eines zynischen Lächelns in seinen wettergegerbten Zügen. „Konzentrier dich lieber auf den Aufstieg. Die Wetter in diesen Jahreszeiten sind launisch.“
Als wüsste ich das nicht selbst. Erneut nicke ich und stelle mein eigenes Gepäck zusammen. Ich fülle meinen Vorrat an Linsenkuchen und meinen Schlauch mit Ginseng-Tee und überprüfe die Taue auf ihre Festigkeit sowie die Kletterhaken auf Konsistenz. Das kommt noch zu der von Pushkal vorbereiteten Ausrüstung. Insgesamt sind es keine unwesentlichen 80 Kilo an Marschgepäck.
Eigentlich benötigt es hier starke Männerschultern, um so ein Gewicht den Berg hochzuhieven, einer der Gründe, warum man mir gegenüber durchaus immer skeptisch eingestellt war, was die körperlichen Voraussetzungen anging. Doch habe ich mich durchgekämpft und den Ressentiments meiner männlichen Kollegen und Kunden Paroli geboten, indem ich bewiesen habe, durchaus in der Lage zu sein, es mit dem Berg aufzunehmen. Was die Männer vielleicht an Muskelkraft aufzubringen in der Lage sind, mache ich wett durch meine Robustheit und meinen Willen.
Mittlerweile ist mein Kreuz breit und meine Expertise ausgeprägt genug, um eine solche Tortur durchzustehen. Außerdem habe ich ja die Hilfe von Hari, meinem getreuen Yak, der mich auf all meinen Expeditionen unerschütterlich unterstützt.
Als ich mich mit allem ausgestattet habe, was mein nächster Ausflug auf den Gipfel so benötigt, schaue ich mich nochmal in der spärlichen Yurte um und verneige mich im Geiste vor dem bronzenen Symbol, das inmitten der Traumfänger über der Feuerstelle hängt, so wie ich es immer ritualisiere.
„Möge der Berg meinen Aufstieg bewahren und meinen Abstieg segnen.“
Es ist mehr als ungewiss, ob ich zurückkomme. Die Pfade des Annapurna sind nicht umsonst die gefährlichsten und gefürchtetsten der ganzen Welt. Der Berg ist kein Freund der Menschen und äußerst empfindlich, was das angeht.
Vor dem Zelt warten sie bereits. Arthur steht stolz erhobenen Hauptes auf einem schneeverwehten Felsen wie ein Abenteurer, der es kaum erwarten kann, sich selbst herauszufordern. Das Pärchen klebt ausnahmsweise mal nicht aneinander. Der Jüngere, Ronald oder „Ronny“, wie sie ihn nennen, ist gerade darin versunken, mit seinen Daumen auf seinem Handydisplay rumzutippen. Die Frau streckt ihren Kopf und sonnt ihn ein wenig mit geschlossenen Augen. Doch da sehe ich, wie ihr Blick auf den vierten im Bunde fällt, diesen Bobby. Es ist nur ein kurzer Wimpernschlag, kaum wahrzunehmen. Aber ich habe ein über die Jahrzehnte ausgeprägtes Gespür, was Westlinge angeht, und nehme selbst kleinste Regungen bei ihnen wahr. Hat es einen gewissen Grund, warum sie ihn so seltsam anblickt, oder ist sie nur genervt von ihm?
Bobby ist derweil bei Hari und ärgert mein Yak mit einem angezündeten Zigarillo. Hari schnaubt und bäumt sich auf, weil Bobby ihm ungeniert blauen Dunst ins Gesicht pustet. Ich stapfe zu dem respektlosen Westling und spreche ihn klar und unmissverständlich an.
„Lass Hari in Ruhe, sonst endet eure Besteigung des Bergs genau hier.“
„Wie redest du mit mir, du ungewaschene Ziegenbraut? Nimm dich mal zusammen, bevor ich dich deinen Berg hoch- und runterpeitsche.“
„Bobby, was soll das?“, mischt sich Arthur ein.
„Was das soll, Arthur?“, fährt der den blonden Bärtigen an. „Wofür brauchen wir die Hilfe dieses verdammten Einheimischen? Den Aufstieg ins nächste Lager kriegen wir auch alleine hin. Ist nicht unser erster Berg, oder?“
„Die Annapurna ist die gefährlichste Kletterroute der ganzen Welt. Wir schaffen das nicht ohne einen erfahrenen Sherpa.“ Arthur bedenkt mich mit kurzem Blick. „Oder eine Sherpani.“
„Du kannst mich mal, Art.“ Bobby spuckt aus und trottet wütend davon.
Als er einige Meter Abstand zu uns aufgebaut hat, wendet Arthur sich mir zu. „Mach dir nichts draus. Er ist nur sauer, weil er den Aufstieg hierher als letztes aus unserem Team bewältigt hat. Selbst Regi war schneller und das zerrt an ihm und seinem Macho-Image.“
„Er ist eine Gefahr“, versuche ich Arthur zu warnen. „Der Aufstieg in dieses Lager war schwer, aber die nächste Strecke geht über den östlichen Grat. Da haben schon viele den Tritt verloren und sind gestürzt. Der Berg vergibt keinen Fehler und Nachsichtigkeit.“
Arthur nickt verständig, aber in seinen Augen erkenne ich kindlichen Trotz. Ich kenne diesen Blick. Den Blick von jungen Unternehmern, Typ Weltverbesserer, für die keine Regeln gelten, die sich alles nehmen, was sie wollen, alles erreichen, was es gibt und ein „Nein“ als Antwort einfach nicht akzeptieren. Egal, wie freundlich ihre Worte, wie strahlend ihr Charisma, wie gutaussehend sie auch sind, jedwede Inkarnation von diesen Erfolgsmenschen ist mir hier bereits über den Weg gelaufen. Der Berg wird ihnen eine lebenswichtige Lektion in Sachen Demut lehren und auf die ein oder andere Weise werden sie begreifen.
Nachdem Arthur sich vergewissert hat, dass wir mit Proviant und Gepäck versorgt sind, geht es los. Ich führe Hari an den Zügeln und gehe voraus. Es folgt die Gemeinschaft der Westlinge und schon nähern wir uns dem bedrohlich aufragenden Ostkamm. Das Wetter ist uns durchaus gewogen, nur ein paar Schäfchenwolken umspielen schüchtern den klarblauen Himmel. Die Sonne in diesen Graden ist dagegen unbarmherzig und brennt uns allen gut eins auf den Pelz. Die Westlinge sind klug genug, sich reichlich von ihrer Sonnencreme ins Gesicht zu schmieren. Meine Haut ist das Klima und die Höhe gewöhnt. Ich bin froh, dass Hari mir das schwere Gepäck abnimmt und obgleich der Grat zwischen Felswand und Abgrund oftmals so eng ist, dass ich nur einen Fuß vor den anderen setzen kann, schafft es mein treues Lasttier diese gefährlichen Trittstellen sicher zu überqueren.
So zieht der Tag dahin und die Feuerrückenspechte krächzend über unseren Köpfen. Wir kommen aufgrund der freundlichen Verhältnisse besser vorwärts als erwartet. Als die Pfade wieder breiter werden und der Weg vor uns sich klar abzeichnet, setzt Arthur sich an die Spitze unseres Zugs.
„Das ist herrlich, einfach nur herrlich“, konstatiert er und geht voller Tatendrang voran. Das turtelnde Pärchen gesellt sich jetzt an die Seite von Hari und mir, obwohl der Junge gerade mehr damit beschäftigt ist, Empfang über sein Handy reinzubekommen. Das Mädchen spielt an dem Gestell ihrer teuren Marken-Sonnenbrille, die sie sich in ihr blondes, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen Zopf gesteckt hat.
„Das ist echt ein interessanter Job, den du da machst. Sieht auch so aus, als würdest du das schon seit einiger Zeit machen. Wie kommt man gerade als Frau dazu, Expeditionen den Berg hochzuführen?“
„Es gibt nicht viele Möglichkeiten, wenn du so aufwächst wie ich.“
„Ja, aber die meisten Frauen hier oben haben doch Familie und Kinder. Du nicht?“
Ich knirsche mit den Zähnen. „Nein, hat sich nicht ergeben.“
„Und warum nicht?“
Ich kann ihre Impertinenz nicht fassen und blicke in ihr gebräuntes hübsches Model-Face.
„Wissen Sie was, junge Dame? Ich bin zwar nicht aufgewachsen in einem schönen Vorstadtidyll von Chelsea oder Berkeley, mit einem silbernen Löffel im Arsch, der mir dreimal am Tag von einer adligen Gouvernante gepudert wird. Aber auch in der armen Drecksgegend, aus der ich stamme, fragt man nicht einfach frech und ungeniert, ob eine Frau Kinder hat und wenn nicht, warum das nicht so ist“, hätte ich dieses große Kind am liebsten angefahren, stattdessen grummle ich nur: „Meine Familie ist der Berg.“
Sie gibt aber natürlich nicht nach. „Deine Familie ist der Berg? Das verstehe ich nicht.“
Ich versuche, meine Beherrschung nicht zu verlieren und gehe so freundlich ich kann auf ihre Bemerkungen ein. „Der Berg ist der Anker meines Lebens. Alles darin dreht sich nur um ihn. Ich kenne den Berg und er kennt mich. Er entscheidet über mein Schicksal und ich bin ihm gegenüber nicht unverschämt oder lehne mich gegen ihn auf.“
Ich werfe ihrem Freund einen bitterbösen Blick zu, der arglos an seinem Handy rumhantiert und damit die heilige Präsenz stört. „Wenn er unzufrieden ist mit mir, dann maßregelt er mich. Wenn er mit mir zufrieden ist, schenkt er mir Wärme und Geborgenheit. Er nährt mich und ich ehre ihn. Er ist immer für mich da gewesen und wird immer für mich da sein. Nichts wird das ändern, nicht in diesem Leben, nicht im nächsten.“
„Oh.“
Ich erkenne an ihrem Blick, dass sie überhaupt nichts damit anfangen kann, was ich ihr gesagt habe. An etwas so stark zu glauben, sein ganzes Leben danach auszurichten, ist eine Philosophie, die den Westlingen vollkommen fremd geworden ist.
„Also für mich wäre so etwas ja nichts“, kommt sie nicht umhin noch zu erwähnen und ich tue so, als würde Hari sein Tempo drosseln, damit ich mich zurückfallen lassen und aus dieser sinnentfremdeten Konversation zurückziehen kann.
Das penetrante „Hallo, hallo“ von diesem Ronald ist für mich ohnehin schwierig zu ertragen. Sicher, ich habe jeden Tag mit wagemutigen Touristen und selbsternannten Kletterexperten zu tun, aber das heißt nicht, dass ich mich an ihre Unarten gewöhnen kann oder möchte. Vielleicht ist es auch das Alter, das mich verdrießlicher macht, wer weiß das schon?
Erneut bemerke ich Regis kurzen Wimpernschlag, der hinter mich fällt, dahin, wo Bobby das Schlusslicht der Truppe bildet. Vielleicht hat es nichts zu bedeuten, vielleicht aber auch alles.
Der stapft soeben an mir vorbei und sieht dabei so missmutig aus, wie ich mich fühle. Da erkenne ich, dass er aus einem flachen metallenen Fläschchen gierige Schlucke nimmt, unzweifelhaft Alkohol. Und das in dieser Höhe, bei dieser Sonne und bei der Gefährlichkeit des Aufstiegs, die, wenn auch gerade nicht sichtbar, dennoch allgegenwärtig ist.
„Darf ich Sie bitten, das sein zu lassen?“, wende ich mich an ihn und versuche dabei so freundlich zu sein, wie meine Natur es zulässt. „Das kann eine große Gefahr sein, die Beherrschung der Sinne zu beeinträchtigen. Nicht nur für Sie, sondern auch für ihre Gefährten, die gesamte Gruppe.“
Er schnaubt.
„Probieren Sie doch mal hiervon.“ Ich möchte ihm einen Schlauch mit Ginseng-Tee reichen, doch er schlägt ihn mir achtlos aus der Hand.
„Lass mich mit deinem Scheiß in Ruhe“, knurrt er und schüttet etwas von seinem Getränk über Haris Schnauze. Mein Yak bäumt sich auf und windet sich.
Bobby lacht und nimmt einen weiteren großzügigen Schluck aus seinem Trinkbehältnis.
„Santa, santa“, beruhige ich meinen schnaubenden Hari auf Nepali. Dann hebe ich den Schlauch vom Boden auf und seufze über die Leichtfertigkeit dieses Westlings.
Wir folgen dem Pfad unter den neugierigen Blicken der Gämsen und Steinböcke über uns, während die Sonne allmählich von ihrem Zenit hinabbricht. Nach einer Weile erreichen wir die Gebetsfahnen, die farbenfroh an ihren Schnüren flattern.
„Das ist ja wunderschön“, bemerkt Regina.
„Nicht so schön wie du“, ist die Antwort von Ronny, der alles mit dem Handy abknipst.
„Eindrucksvoll“, kommentiert Arthur. „Was haben diese Fahnen zu bedeuten?“
Ich trete mit Hari an den Zügeln zu ihm. „Jede dieser Fahnen steht für einen Sherpa, den der Berg zu sich genommen hat.“
„So viele“, staunt die Frau. „Das müssen hunderte sein.“
Ich nicke bedächtig und hoffe, dass sie nun begreifen, dem Berg mit Ehrfurcht und Demut entgegenzutreten. Aber alles, was ich von ihnen höre, ist ein Kommentar von Bobby. „Dann pass mal lieber auf, dass du nicht auch als bunter Wimpel endest.“
Wieder lacht er und trinkt, doch mich können seine Worte nicht berühren.
„Hör nicht auf ihn, Sherpani. Die Opfer deines Volkes bleiben nicht unvergessen und spiegeln sich wider in den großen Taten der Geschichte.“ Voller Zuversicht blickt Arthur in die gleißende Sonne, als wäre er unsterblich. Wie ein Eroberer stellt er sich vor den steilen Eisgletscher, den wir als nächstes emporkraxeln müssen.
Stück für Stück hauen wir Fugen in das Eis und ziehen uns daran empor. Arthur voran, dann die anderen drei und schließlich Hari und ich, die wir mit dem Gepäck die schwere Last zu tragen haben. Außerdem ist es für den Yak nicht so leicht, die steile Eisfläche zu überqueren, selbst wenn er es bislang immer gut bewältigt hat, aber auch er wird nicht jünger. Ich muss stets bemüht sein, dass er nicht abrutscht und das Gleichgewicht verliert.
„Das ist wundervoll“, höre ich Arthur von vorne schreien und das Echo lässt mich zusammenzucken.
„Nein, weck den Berg nicht auf“, schimpfe ich, aber natürlich so leise, dass ich den Berg selbst nicht aufwecke. Und natürlich hört Arthur nicht auf mich, stattdessen fällt auch Regi in den leichtsinnigen Jubel mit ein und dann auch Ronny. Aber es ist schließlich Bobby, der dem Ganzen die Krone der Torheit aufsetzt und beginnt inbrünstig zu brüllen.
„Hört auf, ihr Idioten. Ich kriege Kopfschmerzen von eurem Scheiß Krach.“ Und sein lauthalses Gefluche gerät dem Berg zur Aufmerksamkeit. Er beginnt sich zu regen, zu grollen, erzürnt, bäumt sich auf.
„Mahāna bhagavāna, großer Gott“, flüstere ich zu mir selbst.
Ein Stück vom Gletscher löst sich vom Hang und stürzt herab, sammelt sich mit der umliegenden Eismasse zu einer Wolke und wird immer riesiger und gewaltiger, während es rumpelnd den Hang hinabrutscht und immer neuen Schnee in sich aufnimmt.
Ich sehe Arthur vor mir, wie er von den Füßen gerissen wird, Regi und Ronny wie sie verschwinden, von der Lawine einfach verschluckt werden. Dann erwischt es Bobby und schließlich Hari und mich. Es rumpelt, kracht und donnert. Alles dreht sich um uns herum. Wir purzeln wie Staubmäuse in den übermächtigen Wehen des Bergs davon. Der Schnee ist überall, in meinen Augen, Ohren, Nase, Mund, während ich mich verzweifelt an den Zügeln von Hari festzuhalten versuche, bis ich es nicht mehr schaffe und sie aus meinen Händen gerissen werden.
Diese Westlinge haben es also letztendlich geschafft - sie haben mein Ende eingeläutet. Oder haben sie es? Ich wirble noch einige Male umher und um meine eigene Achse, bevor ich endlich zum Halten komme, umgeben von einem Kokon aus weißer Masse. Ich weiß nicht, wo oben und wo unten ist, also buddele ich mal auf gut Glück vorwärts. Und siehe da - ein Sonnenstrahl dringt durch das allgegenwärtige Weiß, das doch nicht so allgegenwärtig ist. Besonders tief hat mich die Lawine also nicht verbuddelt und besonders groß war sie auch nicht - dem Berg sein Dank.
Ich kämpfe mich durch den Schnee und drücke meinen Kopf heraus. Der ganze Hang ist glatt verweht und nichts deutet darauf hin, dass wir uns gerade an ihm abgemüht haben, um emporzukraxeln. Da regt sich doch etwas nicht weit von meinem Kopf. Ein Paar Hörner drückt sich durch die Schneedecke und Haris fellüberzogener Kopf taucht auf. Ich spreche ein Dankesgebet zum Berg und kämpfe mich zu meinem lieben Lastentier durch. Als ich bei ihm angelangt bin, schnaubt er ganz aufgeregt und ich reibe ihm die Schneekristalle aus den aufgeblähten Nüstern. Ich drücke Haris Kopf fest an mich und bin einfach nur froh, ihn wieder zu haben.
Ich schaue mich nach den anderen um und erkenne einzelne Bewegungen im Schneefeld. Arthur bricht aus dem Eis hervor und dann auch die Turteltäubchen, die sich total erstaunt angucken.
„Na, das war ja was“, stellt Ronny überfordert fest. Beide fangen an zu lachen und fallen sich jauchzend in die Arme.
„Bloß nicht so laut“, denke ich mir und hoffe, dass die törichten Westlinge ihre Lektion gelernt haben. Ich blicke mich nach Bobby um, doch fehlt von dem jede Spur.
Arthur hat es auch bemerkt und wühlt sich aufgeregt durch die Schneemassen.
„Bobby, Bobby“, ruft er. „Wo ist Bobby?“
„Oh mein Gott“, schreit Regi wieder so laut, dass ich meine Augen zusammenkneifen muss, bevor auch sie lautstark nach „Bobby“ ruft. Hoffen wir, dass der Hang keinen losen Schnee mehr zu bieten hat.
Jetzt helfen auch die beiden anderen mit, während ich Hari an den Zügeln aus der Schneewehe ziehe. Mein geliebtes Yak ist bald wieder obenauf und schüttelt sich den Schnee vom Fell. Bei den anderen dagegen ist die helle Aufregung ausgebrochen, weil sie Bobby nicht finden können.
Zum Glück ist Hari erfolgreicher und sein starker Geruchssinn hat den Unruhestifter schnell ausfindig gemacht. Das Yak grunzt und scharrt mit den Hufen, als er Bobby wenige Meter abseits unter der Schneedecke gefunden hat.
Sofort stürzen sich Arthur und seine Kameraden zu ihm und buddeln ihn aus der Schneeverwehung. Mit dunkelrot angelaufenen Wangen liegt Bobby vor ihnen und regt sich nicht mehr.
„Alles okay?“, fragt Arthur. Als er keine Antwort erhält, hält er seinen Kopf an Bobbys Brust und fühlt dessen Puls. Ich grabe indessen einen kleinen Behälter mit Riechsalz aus meinem Beutel, öffne ihn und halte ihn Bobby unter die Nase. Der keucht und niest und kommt mit harten Luftzügen wieder zu sich.
„Er lebt“, entfährt es Regi erleichtert. „Großer Gott.“
Daraufhin lässt sie sich in Ronnys Arme fallen uns heult an seiner Schulter. Dem steht der Schock ins Gesicht geschrieben. Was denken die eigentlich, was das hier ist? Ein Ausflug nach Disneyland?
„Na, geht´s wieder?“, fragt Arthur.
Obgleich Bobby sich aufgerichtet hat, sieht er komplett benommen aus, als wäre er nicht in seinem Körper. Ich kenne den Blick, weiß, dass die Reise für ihn hier zu Ende ist.
Arthur schnippt ein paar Mal vor Bobbys Gesicht.
„Was hat er denn?“, fragt Regi, als sie kurz mal mit dem Schluchzen innegehalten hat.
„Das ist sicher nur der Schock“, ist Arthurs Erklärung.
„Wir sollten umkehren“, meint Ronny. „Das wird sicher das Beste sein.“
Arthur wirft dem Jungen einen bitterbösen Blick zu. Da fängt Bobby an, zu prusten und zu schnauben.
„Ach, was, der wird schon wieder.“
Ich enthalte mich einer Meinung. Mich hat keiner gefragt und hören würden sie auf mich ohnehin nicht. Aber ich kenne den Blick in Arthurs Augen. Nichts würde ihn davon abhalten, sein Ziel zu erreichen, keinen Preis, den er nicht bereit wäre zu zahlen, um den Berg zu besiegen. Das macht der Berg mit den Menschen. Seine Majestät lässt sie mickrig und minderwertig erscheinen und indem sie ihn unter sich wissen, glauben sie, größer zu sein als er und alles andere, was sich unter ihm befindet.
Arthur schultert Bobby von der linken Seite, Ronny von der rechten und gemeinsam hieven sie ihren geistig weggetretenen Kameraden das Schneefeld empor. Regi macht sich sichtlich Sorgen, aber wir schaffen gemeinschaftlich den beschwerlichen Aufstieg und erreichen die nächste Ebene.
Ein paar Holzpfähle umkleiden ein abgesperrtes Areal mit der tibetanischen Statue eines Buddhas. Früher hat hier die nächste Sherpatruppe Neuankömmlinge für den Aufstieg zum Gipfel erwartet. Doch der Abschnitt war zu unwirtlich, dass sich hier jemand dauerhaft aufhalten und auf Durchreisende warten will, daher ist das Lager verlassen und bildet nur ein Provisorium.
Die Sterne funkeln langsam durch den dunkler werdenden Himmelsschleier und künden von dem nahenden Anbruch der Nacht. Wir beginnen die Zelte aufzubauen – das große Hauptzelt in der Mitte und die beiden kleineren drumherum.
Für etwas Linsenbrot, das Ronny abscheulich findet und auf dem Bunsenbrenner warmgemachte Bohnensuppe treffen wir uns in dem großen Zelt, das Arthur für sich und Bobby beansprucht hat. Der hat außer mühseligem Stöhnen nichts mehr von sich gegeben und nur müßig ein paar Schlucke Brühe zu sich genommen. Ansonsten liegt er nur da und ächzt, während ihm der Schweiß auf die Stirn tritt.
„Die Höhenkrankheit“, erkläre ich Regina, die ihn mit sorgenvollen großen Augen mustert und daraufhin große Zweifel an dem weiteren Verlauf ihrer Reise bekommen hat.
„Ich habe mit Bobby schon einige Gipfel bestiegen – ob der Kilimanjaro, die Zugspitze oder der Aconcagua in Argentinien - er hat es jedes Mal geschafft. Er wird auch die Annapurna schaffen. Wir sind nicht so weit gekommen, um umzukehren. Davon bin ich überzeugt, notfalls schleppe ich ihn selber hoch.“
„Wie geht es weiter?“, fragt Regi mich und ich sehe ihr an, dass Bobbys Los sie ziemlich mitnimmt.
„Der letzte Abschnitt ist die Steilwand“, erkläre ich kurz und knapp.
„Dafür, warum wir hergekommen sind“, sagt Arthur mit lodernder Begeisterung in den Augen.
„Überlegt doch mal, wir sind im Begriff einen Achttausender zu schaffen, einen der höchsten Berge der Welt. Wisst ihr, wie wenige es in der Geschichte geschafft haben, so einen Gipfel zu ersteigen? Jetzt können wir beweisen, aus welchem Holz wir geschnitzt sind. Zu welcher Größe wir in der Lage sind. Das will und werde ich nicht hergeben. Und ihr auch nicht. Deswegen sind wir hier. Ich meine, nicht nur hier an diesem Ort. Ich meine, hier auf dieser Welt. Um uns selbst herauszufordern, um die Hindernisse in unserem Weg zu überwinden, um unser Schicksal in unsere Hand zu nehmen, unsere Möglichkeiten zu übertreffen und uns zu beweisen, dass Glauben Berge versetzen kann. Der Berg ist nur dafür da, damit wir ihn überwinden. Wir werden am Ende auf ihm stehen und ihn siegreich überragen. Ihn in die Knie, ihn zu unseren Füßen zwingen, ihn uns untertan machen.“
Der Feuereifer in seiner Rede hatte die anderen angesteckt und anscheinend hatte keiner mehr Einwände vorzubringen, wie der weitere Verlauf ihrer Reise auszusehen hatte. Ich weiß, dass ich mich jeder Anmerkung enthalten sollte, aber ich kann nicht anders.
„Dieser Berg nicht. Dieser Berg ist anders. Ihr solltet Angst vor ihm haben, sonst wird er euch verschlingen.“
Arthurs Blick wechselt von Begeisterung zu Verachtung.
„Jeder hat seinen Platz in der Welt, es gibt die, die erobern und diejenigen, die dienen. Wir erobern den Berg, dem du dienst, Sherpani.“
Damit hat er meine Einwände abgefertigt, obgleich ich es doch am besten wissen müsste. Also sehe ich nochmal zu Bobby, der im Schlaf beginnt zu murmeln und seinen Kopf hin- und herwirft. Da fällt mein Blick auf sein Mobiltelefon, das ihm aus der Tasche gerutscht ist.
Ich verlasse das Zelt und spüre die klamme Kälte der aufziehenden Nacht. Hari schnaubt und schüttelt sich an dem Pflock, an dem ich ihn festgebunden habe. Irgendetwas spürt er und ich auch. Vor einigen Jahrzehnten habe ich mir bei dem Sturz von einer Felskante die Leiste gebrochen. Es war eine sehr schmerzhafte Verletzung, die in einem Hospital in der großen Stadt behandelt werden musste. Seither spüre ich es jedoch in meinen Gebeinen, wenn mich der Berg warnen möchte, wenn er mir etwas mitteilen will und jetzt gerade spüre ich ihn besonders stark.
Regi und ihr Anhängsel kommen auch heraus, verziehen sich ohne ein Wort in ihr Zelt und scheinen gar nicht mehr so schlechter Dinge zu sein, immerhin höre ich schon bald eindeutige Geräusche und leises Stöhnen aus ihrer Unterkunft. Ich füttere derweil Hari mit Gräsern und Linsenkuchen und muss seufzen. Wie können diese Westlinge nur glauben, dass der Berg sie gewähren lässt. Wie können sie glauben, ihn besteigen zu dürfen, wenn sie sich über ihn erheben, ihn beleidigen, sich so respektlos ihm gegenüber verhalten, dass sie es sogar wagen, am Vortag ihres Aufstiegs der Steilwand in seinem Schatten zu kopulieren?
Der Buddha blickt mich warnend an und ich weiß, was ich zu tun habe. Hari grunzt und ich verziehe das Gesicht, während ich mir die schmerzende Leiste reibe. Ein Wetterumschwung kündigt sich an. Ein Sturm zieht auf. Ich spüre es. Der Wind bläst uns so stark den eisigen Schneeregen ins Gesicht, dass wir kaum die Hand vor Augen sehen. Der Himmel ist grau und dicke Wolken entladen schimpfend ihre schwere Last, während um uns herum Blitzentladungen einen Widerstand suchen, in den sie hineindonnern können.
Hari habe ich angepflockt an der Station gelassen. Die Steilwand ist unüberwindbar für ihn und ich hoffe, ihn zu gegebener Zeit wieder froh und munter vorfinden zu können. Es ist nicht das erste Mal, dass ich ihn in dem letzten Lager gelassen habe, daher weiß ich, dass er zurechtkommen wird.
Bobby hätte ich auch am liebsten im Zelt bei dem schweren Gepäck gelassen, doch das akzeptierte unser Anführer nicht. Auch wenn Bobby offensichtlich nur halb bei Bewusstsein war und nicht mit uns kommunizieren konnte, bestand Arthur darauf, das letzte Stück nur mit seinem Freund bewältigen zu wollen, immerhin ging es darum, was sie gemeinsam zu schaffen in der Lage wären.
„Wir sind nur so stark wie unser schwächstes Glied“, verkündete er bei unserem Aufbruch und da war mir klar, dass diese Kette niemals den Aufstieg würde durchhalten können, ohne zu zerreißen. Wir haben Bobby daher in einen Thermoschlafsack gepackt und wie ein Gepäckstück mit uns mitgeschliffen. Was auf dem horizontalen Stück noch halbwegs funktioniert hat, ist zur Tortur geworden, da ihn die Steilwand hochzuhieven nur unter großen körperlichen Anstrengungen möglich ist. Wir spüren sein Gewicht bei jedem Atemzug, wie es sich an dem Kletterseil tiefer in unser Fleisch schneidet.
Arthur hat es sich nicht nehmen lassen, die Gruppe anzuführen und Bobby hinter sich herzuziehen. Dann folgt das Pärchen, das heute nicht mehr so verliebt wirkt wie noch am Vortag. Etwas hat ihre Laune verhagelt, was nicht nur an dem schlechten Wetter liegt. Ich habe Ronny noch nie so sauer erlebt und Regi wirkt total neben sich.
Ich bin die letzte am Kletterseil und frage mich wieder mal, warum ich überhaupt an diesem wahnsinnigen Unterfangen teilnehme. Die Antwort ist einfach – die Westlinge bezahlen mich und bestehen darauf, dass ich sie begleite. Schließlich sind sie sich nicht genau im Klaren darüber, an welcher Stelle sie von oben wieder den Abstieg wagen sollten und ich bin bereits zigmal da oben gewesen im Gegensatz zu ihnen und bin auch der lebende Beweis dafür, es jedes Mal wieder runter geschafft zu haben. Wenigstens so vorausschauend scheinen sie zu sein, dass sie sich Gedanken darüber machen, irgendwann auch wieder von dem Berg runterzumüssen, den sie hier so leichtfertig zu besteigen gedenken, als wäre er eine schäbige Nutte aus einem nepalesischen Freudenhaus.
Ich habe mich mit meinem Schicksal abgefunden, irgendwann vom Berg heimgerufen zu werden, daher kann es genauso gut auch heute sein, aber darauf anlegen werde ich es nicht.
Der stürmische Wind ist kaum auszuhalten, wie wir uns so am Seil nach oben zerren. Die mit dicken Spikes ausgestatteten Steigeisen ermöglichen es uns, an dem kahlen Fels Tritt zu fassen, aber meine Aufsätze sind so abgetragen, dass ich kaum Halt finde. Arthur an der Spitze unseres Zugs haut einen Nagel nach dem nächsten in den eisigen Felsen, um dann das Sicherungsseil daran zu befestigen. Er ist durchaus ein erfahrener Kletterer, kennt er doch die Methoden, sich richtig an dem Felsen zu sichern. Sobald er ein Stück der Wand mit einem neuen Eisnagel versehen hat, klettern Regi und Ronny auf ihrem Stück voraus und schlagen ihrerseits eine neue Sicherung in den Berg. Ich klettere hinterher und werde durch das Seil gesichert, das die vorderen nachlassen.
Aufgrund der miserablen Wetterverhältnisse kommen wir zwar extrem langsam und umständlich vorwärts, müssten meiner Schätzung nach aber bereits die ersten einhundert Höhenmeter unter uns gelassen haben.
Die Kälte kriecht mir unbarmherzig in Kleidung und Knochen und der Wind lässt mich Rotz und Wasser heulen. Aber unbarmherzig treibt Arthur die Gruppe vorwärts und weicht kein Quäntchen ab von seinem geplanten Vorhaben, hier und heute den Berg erklimmen.
Als Regi und Ronny wieder so weit sind, die nächste Sicherung in die Wand zu schlagen, ist etwas anders. Arthur ruft ihnen zu, ich verstehe jedoch kein Wort wegen des heulenden Windes und krachenden Donners. Regi und Ronny sind sich augenscheinlich über irgendetwas am Kabbeln. Nur wenige Meter über mir hängen sie und scheinen sich nicht einigen zu können, wer den nächsten Nagel in den Felsen haut. Also hämmern sie beide wie wild los und da spüre ich es.
Der Berg rumort. Etwas grummelt in ihm. Er ist schlecht gelaunt und ungehalten und erträgt es gerade überhaupt nicht, dass die beiden gleichzeitig auf ihn eindreschen. Ich schließe die Augen und flehe den Berg an, sich zu beruhigen. Er hört nicht auf mich, warum sollte er?
Ein Blitz schlägt plötzlich in die Steilwand. Regi erschrickt und haut zu tief in die Eisfläche, die der Berg abstößt wie ein Körper abgestorbenes Gewebe. Ein langer Spalt schießt in den Felsen und er bröckelt. Regis Halt gibt auf, sie rutscht und stürzt schreiend ab. Ronny versucht, sie noch aufzufangen, verliert dabei jedoch selbst jeglichen Halt und rutscht ebenfalls vom Berg. Beiden fallen an mir vorbei in die graue diesige Tiefe, einfach so, als wären sie fortgewehte Schneeflocken. Keine spektakuläre Parade, kein langwieriger Todeskampf, keine Abschiedstränen. Der Berg ist souverän, er ist erbarmungslos und er ist noch nicht fertig.
Die Steignägel schießen aus dem porösen Eisgestein wie Pfeile von einer Bogensehne. Da die Verunglückten das Seil mit sich reißen, das eigentlich zur Sicherung gedacht war, aber mangels Halt im Stein zu einer Todesschlinge verkommen ist, fällt nun auch der Sack mit Bobby hinab.
Ohne Widerstand trudelt das eingepackte Bündel an mir vorbei und verschwindet im steilen Fall. Da geht er hin, von seinem Freund in diese Lebensgefahr gebracht und tut seinen letzten Atemzug, ohne zu wissen, was mit ihm geschieht.
Als nächstes wird Arthur aus seiner Verankerung und vom eingepackten Knäuel in die Tiefe gerissen. Ein letzter Blick auf ihn und ich sehe nur seine schreckverzerrte Fratze, als ihn der Berg kompromisslos und unweigerlich, geradezu gleichgültig verschlingt. Wie heißt es, Hochmut kommt vor dem Fall.
Ich weigere mich, dem Sturz der Westlinge Folge zu leisten und habe das Seil durchgeschnitten. Der Himmel tobt um mich herum und ich presse mich mit geschlossenen Augen an den nackten Berg und bitte ihn von Herzen, mich zu verschonen. Ich habe nur einen Job gemacht, einen Auftrag ausgeführt, schließlich muss ich doch auch von etwas leben.
Mit einer gewaltigen Kraftanstrengung zerrt der Wind an meinen Kleidern, versucht mich aus meiner Verankerung und in die tödliche Tiefe zu den anderen zu reißen. Meine stumpfen Kletteraufsätze rutschen ab, doch halte ich mich fest, so gut ich kann und bitte den Berg darum, mir Gnade zu erweisen und mich nicht fallen zu lassen. Er erhört mein Flehen und gibt nicht nach. Er hält mich und das Unwetter kann mich nicht ergreifen und in das unsägliche Nichts schleudern. Selbst als der Blitz noch einige Male ins Massiv einschlägt, hält der Berg mich treu und zuverlässig fest.
Solange, bis ich eine kurze Atempause des Unwetters nutzen und vorsichtig den Abstieg in Angriff nehmen kann. Griff für Griff, Tritt für Tritt klettere ich allmählich am Berg herunter, während der Wind an mir zerrt und zieht.
Doch ich merke, dass es ihm am Biss fehlt, die herzlose Wildheit ist aus seinen Böen gewichen und er drängt mich nur noch zahnlos zum Sturze. Selbst die Naturgewalt arbeitet sich an dem Berg ab und beißt sich an ihm die Zähne aus. Ich sehe bereits an manchen Stellen in dem finsteren Grau, wie es aufklart und bin mir sicher, dass mir der Abstieg gelingen wird.
Danke, Berg, danke, dass du mich gerettet hast.
Ausgelaugt gelange ich Stunden später auf die untere Ebene. Ich blicke mich noch sorgfältig um. Von den Westlingen finde ich keine Spur, nicht die geringste. Wer weiß, wo der Berg sie hingetragen hat.
Ich steige den Grat hinab und komme schon bald wieder zu unserem Zeltlager. Ich bin außer mir vor Freude, Hari wieder zu sehen und er anscheinend auch, wie er mir das Gesicht ableckt. Während also die dunklen Wolken langsam aufbrechen, gönne ich mir die wohlverdiente Atempause. Verglichen mit dem Trubel bei unserem letzten Aufenthalt, ist es hier ruhig und friedlich. Die Sonne hat sich zwar noch nicht blicken lassen, aber der Himmel hat seinen dunkelgrauen Mantel eingetauscht gegen ein luftig weißes Federkleid und es schneit nur noch ein bisschen. Ich blicke die Buddha-Statue an und ein Schauer läuft meinen Rücken hinab.
Ich trete zu ihr hin und hole dahinter Bobbys Mobiltelefon hervor, das ich dort versteckt habe. Ich schaue es kurz an und sehe, dass Ronny noch auf die Nachricht geantwortet hat, die ich ihm geschickt habe. Jedoch sind mir seine Worte gleichgültig. Der Berg nimmt sich, was ihm gehört und mit einem weiten Wurf schleudere ich das Telefon über den Abhang.
Ich packe das Material zusammen und nachdem Hari und ich uns ein wenig gestärkt haben, machen wir uns an den Abstieg das Schneefeld hinab zu den Gebetsfahnen und dem abfallenden Ostgrat.
Wir stapfen so lange, bis schließlich Motis Yurte in Sicht kommt, aus deren Schornstein der Rauch der kleinen Feuerstelle abzieht. Ich freue mich auf etwas Wärme und Behaglichkeit. Da erkenne ich Pushkal, wie er den Schafsledervorhang zur Seite zieht. Er ruft mir zu: „Yukti, da sind wieder Besucher aus dem Westen, die den Annapurna hochwollen.“
Ich reibe mir den Schnee aus den Augen und lächle.