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Der Pipimann

Der helle Kinderschrei durchschneidet die Stille der Nacht. Ich schrecke hoch und merke, wie mir der Schock in die Glieder gefahren ist. Ich springe aus dem Bett und laufe so schnell ich kann den Flur entlang in das Zimmer meiner kleinen Tochter. Sie sitzt aufrecht in ihrem Bettchen, die Augen weit aufgerissen und ihr röchelnder Atem geht nur stoßweise.

„Amelie, Schatz, alles gut“, versuche ich sie zu beruhigen. Der Klang ihres rasselnden Keuchens klingt wie eine kaputte Fahrradkette, während ich verzweifelt den Schreibtisch nach dem verfluchten Ding absuche. Ich reiße Schubladen auf und schimpfe, als ich auch dort nicht fündig werde.

„Wo ist dieses ...“

„Hier“, ertönt aus der Richtung der Zimmertür Kirks tiefe Stimme. „Ihr habt ihn beim Spielen in der Küche vergessen.“

Ich blicke ihn kurz überrascht an, habe ich doch gar nicht mitbekommen, dass er auch aufgestanden ist. Da fällt mir ein, dass ich gar nicht weiß, ob er überhaupt zu Bett gegangen ist. Ich reiße ihm den Asthma-Inhalator aus den Händen und stürme zurück zu Amelie, deren Kopf mittlerweile die Farbe einer dunklen Weintraube angenommen hat.

Die Aufregung und Angst um mein Kind lassen meine Hände zittern, doch schaffe ich es, ihr den Rüssel dieses kleinen Wundergeräts auf die Lippen zu pressen. Ohne dieses überlebenswichtige Utensil würde meine Tochter hier elendig ersticken. Gierig saugt Amelie das Inhalat der aufplatzenden Kapsel in ihre Lungen. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich immer weniger hektisch und die Panik weicht zusehends aus ihrem Gesicht. Im Lichte ihrer kleinen Regenbogenlampe am Bettpfosten des Himmelbetts sehe ich, wie der Kopf meiner Tochter wieder auf seine gewöhnliche Größe schrumpft, als die angestaute Atemluft ihn verlässt. Auch ich atme erleichtert auf und der Schock über das plötzliche nächtliche Ereignis lässt langsam nach und mein Herzschlag beruhigt sich allmählich.

„Mein Schatz, geht es wieder?“, frage ich besorgt. Da werden ihre Augen mit einem abermals riesig und kugelrund.

„Der Pipimann war da.“  

Ich glaube, mich verhört zu haben. „Schatz, was?“

„Der Pipimann.“

Ich schlucke einen Kloß hinunter, der entweder noch in meiner Kehle steckte oder nach ihren jüngsten Worten dort hineingefahren ist. „Amelie, wovon redest du?“

Sie guckt mich unter ihrem dichten schwarzen Haarschopf mit ihren großen grauen Augen an. In ihnen sehe ich Aufregung und Faszination.

„Ich habe den Pipimann gesehen, in meinem Traum.“ Sie zeigt auf den gelben Traumfänger, der am Schirm ihrer kleinen Lampe hängt. „Er war groß und hatte keine Haare und nur ein Auge und hat Schleim gehustet.“ Sie kichert.

„Das war lustig“, fügt sie hinzu und hält sich die kleinen Händchen vor den Mund.  

Ich bin total überfahren, habe keine Ahnung, was sie damit meint oder was ich davon halten soll. Fragend blicke ich in das Gesicht meines Mannes - nun, ich versuche es zumindest, da er immer noch außerhalb des Lichtkreises an der Zimmertür steht. Da bemerke ich, dass er noch seinen Anzug trägt.

„Ist länger geworden bei dir?“, frage ich, als ob es wichtiger wäre als das Wohlergehen unserer Tochter. Ich erahne sein Nicken.

„Bin auf der Couch eingeschlafen.“  

„Hast du eine Ahnung, wovon sie redet?“

Als keine Antwort erfolgt, blicke ich wieder in das kleine aufgeregte Kindergesichtchen, in dem gerade eine Nasenspitze gerunzelt wird.

„Amelie, Schatz, dieser ...“

„Pipimann“, ruft sie viel lauter, als es mir bei diesem Wort und den allmählich aufkeimenden Assoziationen lieb wäre.  

„Dieser Pipimann“, stöhne ich leise als Antwort. „Woher kennst du ihn?“

Sie zuckt mit ihren winzigen Schultern. „Er ist mein Freund, Mama. Er würde mir nie etwas tun, nur mich zum Lachen bringen.“

„Aber warum hast du geschrien?“

Ihr Blick fällt auf irgendeine dunkle Ecke im Raum. „Weiß ich auch nicht. Vielleicht weil es so dunkel war, als er zu mir gekommen ist.“

Ich ziehe die Stirn in Falten und richte den Träger meines Seidenoberteils, der runtergerutscht ist. Kurz überprüfe ich, ob Amelie sauber und trocken ist und stelle fest, dass alles in Ordnung ist. 

„Aber ich habe vor ihm keine Angst.“  

Ich wünschte, ich könnte ihre kindliche Unbesorgtheit teilen, aber stattdessen trommeln tausende Gedanken auf mich ein, einer verstörender und beunruhigender als der nächste.

„Schlaf jetzt, Amelie.“ Ich lege sie wieder hin und mache es ihr gemütlich. Sie schnappt sich ihren plüschigen Mr. Peabody, drückt ihn fest an sich und schließt die Augen.

„Vielleicht träume ich ja nochmal von ihm. Das wäre lustig.“

Erneut blicke ich Kirk an, diesmal mit der klaren Aufforderung in den Augen, dass ich mit ihm zu reden wünsche ... umgehend. Ich lösche die Lampe, so dass nur die kleinen Leuchtsterne in dem Kinderzimmer funkeln und schließe leise die Tür. Wir machen uns auf den Weg runter in die Küche.

Endlich sehe ich das Gesicht meines Mannes, der tatsächlich so aussieht, als wäre er einfach unverrichteter Dinge vor der Glotze eingepennt.

„Kannst du mir bitte sagen, was das war?“, schießt es aus mir heraus. „Der Pipimann? Ehrlich? Wo hat sie das bitte her?“

Kirk zuckt unbeteiligt mit den Achseln, fast so wie die kleine Amelie vorhin im Bett. „Was weiß ich? Früherziehung in der Kita vielleicht?“

Wie ihn das alles offensichtlich kalt lässt, lässt auch mir das Blut in den Adern gefrieren. Obwohl langsam merke ich, wie meine Wut es zum Kochen bringt.

„Interessiert dich gar nicht so wirklich, was?“, entfährt es mir deutlich schärfer, als ich eigentlich beabsichtigt habe. „Wenn unsere vierjährige Tochter von männlichen Geschlechtsteilen träumt.“

Da ist endlich mal eine Reaktion auf seinem Gesicht.

„Also mir geht das jetzt etwas zu weit. Kann es sein, dass der blöde Traumfänger seinen Zweck nicht erfüllt. Wo hat Sara ihn her, Ägypten? Afrika?“

Dass er die Aufmerksamkeit jetzt auf meine esoterisch durchgeknallte Schwester richten will, sieht ihm ähnlich.

„Lenk nicht vom Thema ab. Wir müssen uns jetzt um Amelie kümmern. Sara hat ihr nur ein Geschenk mitgebracht, gegen ihre Albträume.“

„Mir scheint, sie hat diese Albträume erst, seit sie das blöde Ding da angeschleppt hat.“ Kirk rollt überdrüssig mit den Augen und kratzt sich den Dreitagebart. „Hör mal, wenn es dir nichts ausmacht, können wir uns morgen weiter streiten? Ich bin echt hundemüde. Morgen ist die große Konferenz mit London. Wäre dir dankbar, wenn ich davor noch ein wenig Schlaf tanken könnte.“

„Und was ist mit Amelie?“, hake ich nach, immer noch über seine Gleichgültigkeit schockiert.

„Ruf doch Frau Doktor Mosi an. Die hat immer irgendwas zu sagen.“

Mit den Worten ist das Gespräch beendet, dennoch frage ich: „Kommst du ins Bett?“

Er nickt unbeteiligt. „Komme gleich.“

Er ist nicht gekommen. Die halbe Nacht liege ich auf der Matratze, wachend, ob ich noch ein Geräusch aus Amelies Zimmer vernehme, aber bis auf ein aufgeregtes Kichern und Glucksen vernehme ich nichts von ihr. Irgendwann bin ich das Warten auf Kirk leid und schließlich dämmere ich selbst dahin in einen unruhigen Episodenschlaf, der sich erschöpfender anfühlt, als wach zu bleiben.

Trotzdem reißt mich der schrille Weckton aus dem Tiefschlaf und ich habe das Gefühl, ein Laster hätte mich überrollt. Ich streife mir den seidenen Morgenmantel über, steig in die Plüschpantoffeln und schlurfe hinüber in Amelies Zimmer, wo ich erstaunt feststelle, dass ihr Bett frisch gemacht ist und Mr. Peabody bereits auf die nächste Nacht wartet. Verwundert gehe ich in die Küche, wo die Kleine bereits über ihren Fruityloops sitzt und mit Playmobil spielt.

„Ihr seid schon wach?“, frage ich an meinen Mann gerichtet, der sich gerade über sein iPhone beugt und aussieht, wie frisch aus dem Ei gepellt. Er nimmt einen raschen Schluck Kaffee und wirft mir einen schnellen Blick zu. „Du bist spät dran, Agnes.“

Dann guckt er auf seine Breitling und verzieht das Gesicht. „So, wie wir. Los, Prinzessin, es wird Zeit.“

Amelie quengelt zwar noch, aber leistet Papas Aufforderung Folge, bevor die beiden sich auf den Weg machen.

„Kann heute später werden“, entschuldigt sich Kirk im Voraus und mir fällt nichts ein, was ich ihm erwidern könnte.

Als die Kleine Jacke und Stiefelchen übergestriffen hat, läuft sie mir nochmal entgegen und umarmt meine Hüften. „Tschüss, Mami.“

„Ich wünsche dir einen schönen Tag, Mäuschen. Bis nachher“, verabschiede ich mich und ehe ich mich versehe, sind die beiden bereits aus der Tür und verschwunden.

Die plötzlich einkehrende Stille ist beinahe ohrenbetäubend und etwas schwillt an in meinem Kopf, der sich anschickt, mich mit einem nächsten Migräneanfall zu drangsalieren. Vorsorglich schlucke ich eine 400mg Ibuprofen und gehe duschen. Mein Morgen ist alles andere als gemütlich, lassen mich die nächtlichen Albträume meiner Tochter doch nicht so wirklich zur Ruhe kommen.

Woher kommt diese plötzliche Fixierung auf den Pipimann? Ist es einfach nur eine altersbedingte Erscheinung oder steckt da mehr dahinter? Etwas, worüber man sich Sorgen machen sollte? Schließlich sind die Medien voll mit irgendwelchen Missbrauchsfällen und ich habe mir geschworen, solche Anzeichen niemals außer Acht zu lassen, sollten sie sich jemals bei meinem Kind zeigen. Ist es jetzt so weit oder reagiere ich hysterisch?

Ich entscheide mich, Kirks Vorschlag Folge zu leisten und rufe Frau Doktor Mosi an, die Kinderpsychologin, die Amelie schon von klein auf betreut. Nicht, dass sie jemals auffällig gewesen wäre, aber heutzutage weiß man, wie wichtig die frühkindliche Entwicklung ist und viele Eltern, die es sich leisten können, lassen ihr Kind nicht nur physiologisch regelmäßig checken. Natürlich geht nur die Mailbox ran und ich ärgere mich, dass ich es überhaupt versucht habe.

Ich steige in mein Kostüm, zupfe mich vor dem Spiegel zurecht, nachdem ich meine morgendliche Routine beendet habe und schlinge rasch Müsli und Kaffee hinunter, bevor auch ich hektisch das Haus verlasse. Der Arbeitsweg ist stressig und lästig wie immer und als ich endlich im Büro ankomme, fühle ich mich fast erleichtert. David, der CEO von PromptWeb, unserem Startup für KI basiertes Online-Design, läuft bereits im Büro auf und ab. Als er mich sieht, stehen ihm nahezu die Haare zu Berge.

„Agnes, endlich. Wir müssen unbedingt unsere Algorithmen auf Fehleranfälligkeit überprüfen. Setz dich sofort mit unseren Analysten in Verbindung. Unser Wettbewerbsvorteil schmilzt dahin wie das Datenvolumen beim Roaming.“

Dieser Arbeitsauftrag geht mir echt gegen den Strich, da ich aufgrund der unruhigen Nacht ziemlich geschlaucht bin und obendrein auch noch abgelenkt wegen Amelie. Trotzdem setze ich mich an meinen PC und fange müßig damit an, die Analysten in Mumbai abzutelefonieren, um herauszufinden, welcher Furz bei unserem Oberguru gerade quersitzt.

Kurz vor der Mittagspause kommt dann Carmen auf mich zu, unsere rothaarige, leicht untersetzte Acquisition-Managerin, die sich gern mal über Gott und die Welt auslässt. Da sie vier Kinder von drei verschiedenen Männern hat, ist sie die ideale Gesprächspartnerin für mein jüngstes Problem, das ich zaghaft anspreche, während ich die Beine auf dem kleinen Rollcontainer ausstrecke, der unter meinem Desk steht.

„Kleines, da musst du höllisch aufpassen. Wahrscheinlich kommt das ganze Frühaufklärungs-Zeug aus dem Kindergarten.“ Die Worte treffen mich wie die Ladung eines elektrischen Viehtreiberstabes und ich sitze aufrecht in meinem Stuhl.

„Die wollen doch da schon anfangen mit der sexuellen Aufklärung. Meine Martha musste mit einem Erzieher in einen sogenannten Erforschungsraum, wo die seinen Körper ertasten sollte.“

Vor Entsetzen steht mir der Mund offen. „Und du hast ...?“

„Ja klar, habe den ganzen Laden verklagt und haste nicht gesehen, aber was bringt es? Meine Martha hat einen lebenslangen Schaden, kein Wunder, dass die später von Gras auf Methamphetamin umgestiegen ist.“

Oh mein Gott, das ist ja schlimmer, als ich es mir hätte vorstellen können.  

„Zum Glück habe ich ja noch mehr Kinder, will mir nicht ausmalen, wie es sein muss, das einzige Kind in so einer Hölle zu verlieren.“

Mit einem harschen Blick gebe ich Camilla zu verstehen, dass ich dieses Gespräch an dieser Stelle für beendet befinde. Allerdings treibt mich die Sorge um Amelie gerade so stark um, dass ich an nichts anderes mehr denken kann. Meine Kollegin ist jetzt die Zweite, die die Kindertagesstätte in Verdacht hat, etwas mit den nächtlichen Erscheinungen meiner Tochter zu tun zu haben. Als mir siedend heiß einfällt, dass Amelie jetzt in diesem Moment gerade womöglich in einem dieser Erforschungsräume mit jemandem zugange ist, wird mir auf der Stelle kotzübel.

Ich entscheide mich, meinen Arbeitstag vorzeitig zu beenden und meine Kleine aus dieser Schlangengrube zu holen. Hupend rase ich zur Kita und überfahre dabei gleich drei rote Ampeln auf dem Weg. Mit quietschenden Reifen komme ich vor der Einrichtung zum Stehen und stürme aus dem Wagen, die entrüsteten Blicke der Passanten geflissentlich ignorierend.

Ich platze ungestüm in den Kitaraum, wo sich die Kinder gerade in einem Kreis auf dem Boden niedergelassen haben. Torben, der junge Erzieher, der sich noch in der Ausbildung befindet, glotzt mich geschockt an, doch ich werfe ihm lediglich einen giftigen Blick zu.

„Mama, Mama“, freut sich Amelie, mich zu sehen und fällt mir in die Arme. Ich gehe in die Hocke, um die Kleine zu begrüßen.

„Komm, Schatz, wir fahren heim.“

„Ohh, müssen wir schon?“, erwidert sie enttäuscht. „Wir wollten noch mit Torben verstecken spielen.“

Bei dem Gedanken daran, wie sich die Kinder in der Kita überall verteilen und allein auf Torben warten, der ihnen auflauert, wird mir erneut schlecht.

„Amelie, Süße, geh bitte schon mal in den Flur und zieh dich an, ja? Mama muss noch kurz mit Torben sprechen.“

Der macht ein nur allzu bedröppeltes Gesicht, als er das hört, und Amelie stapft ein wenig missmutig in den Flur.

„Was kann ich für Sie ...?“

„Ich habe mal eine Frage“, unterbreche ich den Erzieher unwirsch. „Habt ihr hier Sexualunterricht?“

Der Mund unter dem geflochtenen Bart des jungen Kerls steht offen und er glotzt mich an, als hätte ich seinen Hund überfahren. „Äh ... was?“

„Was an meiner Frage ist denn missverständlich?“

„Ich ... äh, nein, natürlich nicht, dass sind kleine Kinder ...“

„Habt ihr hier Erforschungsräume?“

„Was?“ Verdattert kratzt er sich seine Halbglatze. „Hören Sie, Frau Schroeder, ich weiß nicht, wie Sie darauf kommen, aber in dieser Kita gibt es keinen Sexualunterricht. Und ehrlich gesagt, ist mir Ihr Auftritt gerade etwas unangenehm.“

Schlagartig wird mir klar, dass ich vielleicht gerade den falschen aufs Korn nehme. Der arme Teufel hat womöglich wirklich keine Ahnung, wovon ich gerade spreche. Ein wenig verlegen blicke ich mich um, als mein Blick auf eine nackte Puppe fällt, in deren Schritt männliche Genitalien zu erkennen sind. Erbost schnappe ich mir die Puppe und halte sie Torben vor die Nase. „Ach nein? Und was bitte schön ist das? Diese Puppe hat doch eindeutig einen Pipimann.“

Die Kinder beginnen zu kichern.

„Das ... das ist ein Penis“, entweicht es Torben kleinlaut.

Mir wird es zu viel. Alles dreht sich und der feste Stand unter meinen Füßen verwandelt sich in Butter. Ich bemerke, wie die Migräne sich langsam durch meine Schädeldecke gräbt und bevor sie ihr volles Potenzial erreichen kann, entscheide ich mich, die Situation aufzulösen und Amelie nach Hause zu bringen.

Dort angekommen, lasse ich sie auf Netflix „My Little Pony“ gucken und dabei Orangenlimonade schlürfen und Salzstangen knabbern. Meine Gedanken gehen gleichzeitig in zehn-tausend Richtungen. Habe ich dem armen Tropf vielleicht Unrecht getan? Vielleicht kommt die Sache mit dem Pipimann gar nicht von ihm.

Da sehe ich in dem dämlichen Cartoon, den sich Amelie gerade anschaut, auf einmal ein männliches Geschlechtsteil aufragen. Ich springe vom Sofa auf und fahre die Kleine an.

„Amelie, was ist das?“, frage ich und zeige auf den Fernseher.

„Das ist ein Einhorn, Mama“, sagt sie und mit ihren Worten fallen mir die Schuppen von den Augen. Ich kann nicht mehr. Überall sehe ich schon Pipimänner. Ich entscheide mich für eine weitere Ibu, um dem Chaos hinter meiner Stirn Einhalt zu gebieten und lasse mich wieder zurück auf das Sofa plumpsen. Vor lauter Erschöpfung merke ich gar nicht, wie ich weggedämmert bin.

Erschrocken wache ich auf, als mein Handy klingelt. Um mich herum ist alles dunkel und der Fernseher ist aus. Ich bin so gerädert, als wäre ich soeben von den Toten auferstanden. Benommen taste ich nach meinem Handy und lese Frau Doktor Mosis Namen.

„Schroeder“, melde ich mich, wie in Trance und höre die überfreundliche, übereifrige Stimme von Amelies Kinderpsychologin. Diesmal habe ich wirklich etwas mitzuteilen, nicht nur ihre Angst vor dem Badewasser oder Monster unter dem Bett. Ich berichte ausführlich von den Ereignissen der letzten Nacht. Zögerlich macht die oft so überdrehte Frau Mosi einen Kommentar, der mir in Mark und Bein fährt. „In den meisten Fällen machen die Kinder nicht im sozialen Umfeld des Kindergartens oder der Schule ihre ersten Erfahrungen mit der Sexualität, sondern in ihrem eigenen Zuhause.“

Es trifft mich wie ein Schlag, als mir erneut schmerzlich bewusstwird, dass Amelie gar nicht da ist. Wo ist sie? Was macht sie? Wortlos lege ich das Handy weg und höre noch Frau Doktor Mosi, wie sie ein paar Mal „Hallo“ ruft.

Wie in Trance richte ich meine Schritte zur Treppe, die zu den oberen Schlafzimmern führt. Und da höre ich bereits ihr kindliches Kichern, nur unterbrochen von einer tiefen männlichen Stimme. Meine Vorstellungskraft nimmt Züge des Unvorstellbaren an und ich rufe mich selbst zur Räson, um mich diesen Gedanken nicht vollends auszuliefern.

Langsam tappe ich zu Amelies Zimmer und öffne die Tür. Im Halbdusteren erkenne ich Kirk auf dem Boden und unsere Tochter neben ihm, wie sie auf dem Boden ein Puzzle zusammensetzen. Mir fällt ein Stein vom Herzen und ich schäme mich zutiefst für die unaussprechlichen Dinge, die ich gerade noch durch meinen Kopf gespukt sind.

„Du bist schon da?“, frage ich.

„Wir haben sieben Uhr durch. Wir wollten dich nicht wecken.“

„Komm, Mama, spiel mit uns mit“, schlägt Amelie vor und verdattert lege ich mich auf ihr Himmelbett.

„Gleich, Liebes“, antworte ich. „Mama ist nur etwas erschöpft und muss wieder zu Kräften kommen.“

„Habt ihr schon was gegessen?“, will ich fragen, als ich merke, dass meine Augen wieder schwer werden. Unaufhaltsam schließen sich meine Lider und das Letzte, was ich in dem heimeligen Kinderzimmer zu erblicken vermag, ist der fremdländische Traumfänger an der Lampe.

Als ich zu mir komme, sind sie wieder weg. Ich fluche über mich selbst, dass ich sie abermals verpasst habe und erhebe mich schwerfällig von Amelies Bett. Irgendetwas ist anders als sonst, irgendwie ist es dunkler und stickiger, als würde ich die Luft sehen können, wie sie durch die Räume schwebt.

Ich betätige den Lampenschalter, doch nichts geschieht. Ich bewege mich ganz behutsam über den Teppich, der seltsam kratzig ist unter meinen Füßen, und betrete wieder den Flur. Etwas tropft von der Decke auf mein Gesicht und ich wische es weg, als ich feststelle, dass die Flüssigkeit braun ist und seltsam riecht. Was ist hier los? Hier stimmt etwas nicht. Hier stimmt etwas ganz und gar nicht.

„Amelie?“, will ich rufen. „Kirk?“

Doch kein Ton verlässt meinen Hals. Ich schaffe es nicht auch nur ein Wort rauszubringen. Meine Beine fühlen sich an, als würde ich durch einen talgigen Morast waten, als hätte jemand das Schwerkraftverhältnis auf der Erde verändert. Ich schleife unter größter Kraftanstrengung meine Füße den Flur entlang und öffne die Tür zu unserem Schlafzimmer.

Was dahinter zum Vorschein kommt, ist nicht der kleine Raum mit dem Kleiderschrank und dem Boxspringbett, sondern eine riesige Grotte, von deren Decke sich fleischige Fühler winden wie die Tentakel eines gigantischen Tintenfischs. Vor einem hoch aufragenden Felsen kauert eine Gestalt. Langsam trete ich zu ihr hin, packe sie bei den Schultern und drehe sie um. Da erkenne ich das Gesicht von Torben, dem Erzieher aus Amelies Kindergarten. Doch wo einst seine Augäpfel saßen, stieren mich nur zwei aufgerissene, schwarze Löcher an. Mir will ein Schrei entweichen und ich lasse den Mann fallen.

Ich erkenne weitere Gestalten ... Camilla, David, unser CEO, Frau Doktor Mosi, alle haben nur schwarze aufgerissene Löcher dort, wo eigentlich die Augen sitzen müssen. Sie wippen apathisch auf ihren Knien und zeigen ansonsten kaum Regungen. Jetzt bemerke ich, dass überall in dieser fleischüberzogenen Grotte Leiber kleben und von der Decke hängen. Erneut will mir ein panischer Ausruf des Entsetzens entweichen.

„Mami“, höre ich auf einmal Amelie. „Mami, komm zu mir“, ruft sie mich und ich versuche ihrer Stimme zu folgen, während ich mich durch die fleischige Grotte bewege, deren Boden sich nun ebenfalls anfühlt, als wäre er aus Schweinemett. Ich versuche mich weiter vorwärts zu meiner Tochter zu kämpfen, doch jeder Schritt gibt nur ein widerliches Schmatzen von sich, als sich meine Füße wie Saugglocken von dem matschigen und fleischigen Unterboden lösen. Eine Gestalt kauert vor mir auf dem Boden und ich erkenne Kirk.

„Mein Gott, Kirk, du bist es“, möchte ich sagen, doch erneut verlässt kein Wort meinen Mund. Vor mir sehe ich das angstverzerrte Gesicht meines Mannes, die Augäpfel in Schock weit aufgerissen, die Stelle, an der sonst seine Lippen und die Mundöffnung sitzen, zugewachsen, als hätte sich dort nie ein Mund befunden. Ich greife nach meinen eigenen Lippen und stelle fest, dass sich dort keine Öffnung mehr befindet. Was ist hier los? Was geschieht hier? Amelie, wo bist du?

„Ich bin hier, Mami“, höre ich ihre Stimme sagen. Allerdings entweichen die lieblichen Töne nicht einem kleinen zierlichen Mädchenkörper, sondern vielmehr einer riesigen, schleimigen Echse, die über und über mit matschigem Glibber beklebt ist.

„Hab‘ keine Angst, Mami. Du brauchst keine Angst zu haben.“

Vor unseren Füßen erwächst dem fleischigen Untergrund auf einmal eine riesenhafte Gestalt. Ein Auge öffnet sich inmitten eines haarlosen Schädels und offenbart einen monströsen Augapfel, der wild hin und her zuckt. Als der Zyklop seinen Schlund öffnet, entweicht gelber Schleim seinem Rachen, der zäh und träge auf den Boden tropft. Eine tiefe Stimme ertönt in meinen Eingeweiden, dunkel und bedrohlich wie die Ausgeburt des Bösen.

„Was willst du in meinem Traum?“

Der Schrecken, der mich übermannt, rafft mich beinahe dahin. Ich möchte schreien, doch es geht nicht. Daher entlädt mein Körper auf anderem Wege die Anspannung und die Angst.

Ich merke, wie ich mich unwillkürlich einnässe und meinen ganzen Beckenboden in eine flüssige Masse verwandele. Ein Blick zu Kirk und ich sehe, dass es ihm genau so geht.

„Der Pipimann, der Pipimann“, lacht Amelie ganz aufgeregt und jetzt verstehe ich, was sie meint. Als ich den entsetzlichen Anblick dieses Ungeheuers nicht mehr ertrage, kann ich nicht anders, ramme meine Handflächen in die Jochbeine und pule mir mit den Fingern die Augäpfel aus.

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