


Ein Kürbis zu Halloween
Endlich ist es soweit. Die letzte Nacht hat er kaum schlafen können, so aufgeregt ist er vor seinem allerersten Mal. Stolz betrachtet Kirby sein Werk, das er mit Herzblut, Liebe und Sorgfalt bearbeitet hat.
Als am frühen Abend die Klingel ging, hat sein Herz so heftig geschlagen, dass er glaubte, es wolle persönlich die Tür aufreißen. Und auf dem Fußabtreter lag sein Paket, auf das er sich bereits das ganze Jahr gefreut hat – eingewickelt in Handtücher, die kostbare Frucht, die er zu einem echten Highlight der Walpurgis-Nacht zu machen beabsichtigt hat.
Vorsichtig hat er den Deckel mit einem Tranchiermesser entfernt, mühsam die matschigen Innereien ausgekratzt, dann die Öffnungen für Augen und Mund fixiert, damit das Licht der LED-Kerze schön unheilverkündend hinausflackern kann. Die Oberfläche hat Kirby mit Vaseline eingeschmiert, um die feuchten Stellen vor Schimmel zu schützen. Den Trick hat er aus dem Internet. Für den letzten Schliff muss Papa helfen.
»Sieht toll aus, deine Melone.«
»Bitte nenn ihn nicht so.«
»Als ob ›Kürbis‹ viel besser wäre.«
Mit seiner Hilfe schafft es Kirby, Löcher in die Membran zu bohren und einen Draht mit Griff hindurchzufädeln. So hat Kirby seine eigene tragbare Laterne. Voller Stolz hebt er sie in die Höhe, während das Licht aus den Höhlen herausflackert.
»Gib gut acht auf dich, mein Junge. Es sind viele gemeine Kinder unterwegs heute Nacht. Die haben schon die schlimmsten Grausamkeiten mit uns gemacht in dieser Jahreszeit.«
»Ich bin vorsichtig, Paps, versprochen.«
Papa streicht Kirby liebevoll über den glatten Kopf und nickt ihm daraufhin zu. »Schlag Mitternacht bist du aber wieder zuhause.«
Der kleine Kirby nickt verantwortungsbewusst.
»Na los, deine Freunde warten sicher schon auf dich.«
Das lässt Kirby sich nicht zweimal sagen. Voll ungestümer Vorfreude stürmt er davon, die mit Flicken benähte Hexenkutte und der schwarze Umhang wehen hinter ihm her – seine Laterne und der Korb für die guten Gaben dürfen natürlich nicht fehlen. Und sein Hexenhut, den er sich auf den Schädel setzt. Sein allererstes Halloween.
Der Abend hat sich über die Vorstadt gelegt und die Nacht ist im Begriff, die Wachablösung zu übernehmen. Auf dem Bürgersteig und den Vorgärten wimmeln die als Hexen, Vampire, Gespenster, Skelette oder Zombies verkleideten Kinder, die an die grausig dekorierten Türen schellen und die Bewohner mit ihren Kostümen erschrecken.
»Willst du keine Spinnenweben, musst du uns was Süßes geben!«
»Wir haben leere Taschen und wollen was zu naschen.«
»Gib uns zu schlecken oder wir werden dich necken.«
Die Stimmung ist gut und sowohl die Kinder vor der Türschwelle als auch die Erwachsenen dahinter scheinen eine gute Zeit zu haben.
Das Einzige, was Kirby betrauert, sind die übel ausgeweideten Kürbisköpfe, die achtlos auf dem Bordstein stehen und von offenen Kerzen angekokelt oder frechen Hunden angepinkelt werden. Das haben sie echt Null verdient. Als Happy Tree Friends kostümierte Kinder treten unter großem Gelächter einen Kürbis wie einen Fußball hin und her, dass die Fetzen durch die Gegend segeln. Das geht nicht, denkt Kirby und will sich einmischen, als ihn eine Hand an der Schulter packt.
»Was hast du vor, Holzkopf?« Vor ihm steht Succi im schwarzen Mantel – riesige schwarze Augen glotzen Kirby aus einem langen grünen Schädel an.
»Aus welchem Sonnensystem kommst du denn?«, fragte er.
»Vom Planeten der Panzerbeeren«, antwortet seine Freundin. »Sieht man doch. Und du willst in den Krieg ziehen?«
»Mag nicht, wie die sich aufführen.«
»Das ist Sache der Artenschützer.« Das kommt von Kaleb, dem Dritten in ihrem Bunde. Für den feierlichen Anlass trägt er ein verlottertes, mit Seesalz gesprenkeltes Kostüm. Ein Dreispitz ziert seinen knubbligen Kopf mit dem dickbauchigen Kinn, aus dem lange wimmelnde Stränge wie Tentakel wuchern.
»Bist du Cthulhu?«, fragt Kirby.
»Davy Jones.« Kaleb schultert eine Machete, so lang wie er selbst. »Sieht man doch.«
»Jetzt lass mal loslegen, sonst ist der ganze Spaß vorbei, bevor er angefangen hat«, rät Succi.
In der Zwischenzeit haben die Kinder den armen Kürbis in Matsch verwandelt, den sie überall auf dem Bürgersteig verteilt haben. Kirby lässt den Kopf hängen.
»Du weißt doch«, versucht Succi ihren Freund aufzubauen. »Willst du dich an ihnen rächen, lasse sie Gedärme brechen.« Sie tätschelt ihren Korb, den sie mit einem Tuch bedeckt hat. »Die Nacht ist noch jung.«
»Starke Kostüme«, ruft ihnen eines der als Clowns verkleideten Kinder zu.
»Gruselige Laterne. So etwas habe ich noch nie gesehen«, bemerkt ein anderes von ihnen nicht ohne Ehrfurcht – zumindest nicht ohne Furcht.
Stolz hebt Kirby sein Kunstwerk in die Höhe und leuchtet damit die Briefkästen an, welche die Hausnummern der Anwesen zeigen. »Hier ist es.« Hinter einem langgezogenen Vorgarten erstreckt sich ein schönes zweigeschossiges Haus mit ausladender Veranda unter einem Giebeldach. Die drei Freunde nicken sich zu und machen sich auf den Weg, vorbei an den sprühenden Rasensprenkleranlagen. Eifrige Bewegungsmelder lassen zu ihren Seiten das Licht angehen, das die Halloween-Deko leuchten lässt. Die Aufregung steigt, wie sie sich so zwischen Kunststoff-Skeletten, Spinnweb-Attrappen und ausgehöhlten Kürbisköpfen der Eingangstür nähern. Die Geräusche einer ausgelassenen Gesellschaft dringen zu ihnen nach draußen und durch die Fenstervorhänge sind Silhouetten von Partygästen im warmen Lichtschein zu erkennen.
Die kleinen Unruhestifter blicken sich unsicher an. Da nimmt Kirby seinen Mut zusammen und tritt zur Türklingel. Er streckt seine Hand nach dem Knopf aus, als ein Gebell ertönt und die drei zusammenzucken. Hinter der Glasscheibe der Eingangstür springt ein aufgeregter Schatten hoch und runter.
»Hab keine Angst«, murmelt Succi ihm zu. »Das erste Mal ist immer aufregend.«
Kirby nickt ihr zu – zu lange hat er auf diesen Moment gewartet, als dass er jetzt einen Rückzieher machen würde. Erneut streckt er den zittrigen Finger aus. Doch bevor der Kleine die Klingel berühren kann, reißt bereits jemand die Tür auf und ein Schäferhund-Mischling stürmt schwanzwedelnd heraus.
»Zurück, Fido!« Vor den Ankömmlingen baut sich ein großer Mann in blau kariertem Hemd und Jeanshose auf, in den Händen ein Weinglas, eine runde rote Clownsnase am Gummiband umgeschnallt. Als er die drei sieht, zögert er kurz, doch dann weiten sich seine Augen und seine Miene hellt sich auf. »Gibt´s ja nicht«, entfährt ihm.
Gerade wollen die drei ansetzen, etwas zu sagen, da schreit er los: »Renate! Renate! Komm her, das musst du sehen.« Der Mann tritt aus dem Haus heraus und beschaut sich die kleine Truppe, die ihm gerade mal bis zum Hosenbund geht. »Was für starke Kostüme«, lacht er und nimmt einen großen Schluck aus seinem Rotweinglas. »Du bist ein Außerirdischer, oder? Sieht richtig echt aus mit dem langen grünen Kopf.« Er geht um sie herum. »Und du mit dem Kalebassus-Schädel? Du bist wohl Davy Jones, was?«
Kaleb nickt still, traut sich aber kein Wort zu sagen.
»Und dann ein zur Hexe mutierter Kürbis. Ha! So tolle Kostüme habe ich noch nie gesehen.« »Was ist denn, Schatz?« Im Türrahmen steht die Herrin des Hauses – gutbürgerlich im beigen Rock und der rosafarbenen Bluse, mit einer Catwoman-Maske für das Halloween-Feeling.
»Schau dir die Kinder mal an. Sind die nicht unglaublich? Richtig echt. Ha!«
Fido hat zwischenzeitlich aufgehört mit dem Schwanz zu wedeln und setzt sich winselnd auf den Allerwertesten.
»Gib ihnen die Süßigkeiten und komm wieder rein, Hermann. Du hast zu viel getrunken.«
Kirby nimmt seinen Mut zusammen und sagt: »Saures oder es gibt Süßes!«
Hermann lacht sich einen ab. »Die können nicht mal das Sprüchlein richtig aufsagen. Geil!«
Die Knirpse schauen sich an und dann wiederholen sie zu dritt: »Saures oder es gibt Süßes.«
Um seine Worte zu bekräftigen, hebt Kirby jetzt seine Laterne hoch, dass alle sie sehen können. Die Ausgelassenheit braucht noch einige Herzschläge, bis sie im Begriff ist zu weichen und Platz für die Wirklichkeit zu machen. Und anscheinend braucht sie noch ein paar Herzschläge mehr, bis das Lächeln widerwillig aus den Gesichtern verschwindet.
»Großer Gott«, flüstert Hermann wie in einem fernen Albtraum. »Mar... Mar... Martin?«
Ein Schrei entfährt der Frau des Hauses, die mit den Händen wedelt wie im Kasperletheater. Hermann reißt den Kopf aus Kirbys Händen. »Martin? Bist du das? Was ...? Was haben sie mit dir gemacht?« Der Schock hat seine Augen geweitet, der Schrecken sein Gesicht zu einer Fratze verzerrt. Der Unglaube ist zu groß, selbst als er den ausgehöhlten Kopf an den eigenen drückt.
Succi macht jetzt Nägel mit Köpfen. Sie stößt Renate auf den Rasen und haut die Tür in die Angeln. Dann schmeißt sie sich von hinten in die Nackenbeuge der Frau und versenkt ihre Kiefer voller spitzer Reißzähne in ihrem Hals, dass das Blut rausschießt wie das Wasser aus dem Rasensprenkler. Renate kreischt vor Schock und Schmerz, als hätte sie sich im Gartenhäxler verfangen.
Jetzt ist Kaleb dran. Er schwingt seine Machete und rammt sie Renate auf der anderen Seite zwischen Hals und Schulter mitten durch das Schlüsselbein. Das Buschmesser ist schärfer als es aussieht und dringt federleicht in den Körper der entgeisterten Vorstadtmami ein. Schmatzend spritzen Blutfontänen empor, gesprenkelt von Knochensplittern, Fleischhappen und Sehnenfasern.
»Er hat sich so auf heute gefreut, hat sich als Feuerdrache verkleidet, seinen ersten Kürbiskopf geschnitzt«, entfährt Hermanns Lippen zusammen mit Sabber, der an dem Laternenkopf kleben bleibt. Dann funkelt er voller verstörtem Hass die Knirpse an. »Ihr ... ihr Monster.«
»Was hast du denn erwartet? Die Pfadfinder?« Kaleb schlägt ihm kurzerhand den Kopf vom Rumpf. Die Birne mit den schmerzverzerrten Augen segelt hoch durch die Luft und hinterlässt eine Spur von zäher Zerebrinal-Flüssigkeit quer auf dem Rasen.
»Jetzt gibt´s Süßes«, sagt Succi und reißt das Tuch von ihrem Korb. Zum Vorschein kommen allerlei bunte Innereien, welche die drei Kleinen beginnen, mit viel Spaß und Vergnügen auf das Haus schleudern. Herz, Leber und Niere zerplatzen an den Fenstern wie Wasserbomben. Finger, Augen und Rippen klatschen an Dachgiebel und rutschen in die Regenrinne. Der Hausbaum ist schließlich gekleistert mit Gedärmen und Eingeweiden, die hinab hängen wie ausgerolltes Klopapier. Die panischen Gesichter, die sich trauen, aus den Fenstern zu glotzen, trauen sich jedoch nicht, auch nur einen Schritt vor das Haus zu setzen.
»Das war spaßig«, sagt Succi und streichelt dem Hund das Köpflein, der schmatzend das Fleisch vom Knochen seines Frauchens nagt. »Was kommt jetzt?«
»Die Nacht hat gerade angefangen.« Kaleb säubert die Klinge am Hosenbein von Martins Vater.
Kirby reißt seine Laterne aus dessen verkrampften Fingern. »Zu unseren Freunden. Noch viele süße Köpfe für viele saure Eltern.«